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Kriterien zur Entscheidung über die Anwendbarkeit von Massen-konser-vierungsverfahren
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Thorsten Doering‡, Peter Fischer‡, Ulrike Binder*, Joachim Liers+, Gerhard Banik*

Die Massenkonservierungsverfahren für zerfallsbedrohte Archiv-und Bibliotheksbestände des 19. und 20. Jh. werden zunehmend unter dem Aspekt einer optimalen Balance von Bestandssicherung und Kosten ausgewählt. Diese Strategie setzt eine genaue Kenntnis des Schädigungsgrades der zu behandelnden Bestände voraus. Für Kriterien zur Entscheidung über die Anwendbarkeit vorhandener Massenkonservierungsverfahren muss diese Kenntnis ein Teil des Entwicklungszieles sein. Diese Forderung kann nur erfüllt werden, wenn der Zusammenhang zwischen den makroskopischen Schadensbildern der gefährdeten Bestände und den chemischen Abbau-mechanismen in den Papieren bekannt ist. Der Aufklärung dieses Zusammenhanges ist das vorgestellte Projekt gewidmet.

Die Qualitätsminderung gealterter Papiere kann in mangelnder chemischer oder mechanischer Stabilität bestehen. Chemische Reaktionen, die zu Abbauprozessen in Papieren führen, sind saure Hydrolyse und Oxidation sowie Vernetzung und Dehydration. Die Abnahme der mechanischen Stabilität von Papier resultiert aus chemischen Abbauprozessen und mechanischer Beanspruchung. In der Literatur werden alle diese Vorgänge als Alterung bezeichnet. Die mechanische Stabilität eines Papiers wird mit physikalischen und mechanischen Standardprüfverfahren untersucht. Die als Resultat eines Abbaus von Papier gemessenen mechanischen Instabilitäten können nur bedingt Hinweise auf die Änderungen der chemischen Werkstoffeigenschaften geben, da mit den physikalischen und mechanischen Normprüfverfahren sehr komplexe Ergebnisse erhalten werden und chemische Abbauprozesse in den Papieren nur in sehr fortgeschrittenen Stadien erfasst werden können. Um die Gefährdung des Papiers möglichst früh zu erkennen, ist es daher notwendig, seine chemische Stabilität zu untersuchen. Bisher erarbeitete Resultate dieser Untersuchungen werden zusammenfassend dargestellt.

Gerhard Banik ist Chemiker und hat im Jahre 1977 an der Technischen Universität Wien promoviert. Seit 1990 ist er Professor an der Staalichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und Leiter des Studiengangs Restaurierung und Konservierung von Graphik, Archiv- und Bibliotheksgut. Von 1993-1999 war er Koordinator der Arbeitsgruppe Graphic Documents des ICOM Committee for Conservation. Er ist Dozent am Institut für Angewandte Botanik, Technische Mikroskopie und Organische Rohstofflehre der Technischen Universität Wien und ständiger Mitarbeiter von ICCROM im Rom. Er leitet Entwicklungsarbeiten u.a zu den Themen Massenentsäuerung, Enzymanwendungen sowie Behandlungstechniken für Tintenfraßschäden auf Papier.

Ulrike Binder ist Chemikerin und hat 1999 an der Technischen Universität Wien auf dem Gebiet der Materialwissenschaften promoviert. Sie arbeitete innerhalb eines EU-Projekts über die atmosphärische Korrosion von Skulpturen und innerhalb eines DFG-Projekts am Hahn-Meitner-Institut in Berlin über die Diffusion in metallischen Gläsern. Sie arbeitet jetzt als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem DFG-Projekt über Massenkonservierungsverfahren an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart.

‡University of Stuttgart
Institute of Organic Chemistry
Working Group PD Dr. Peter Fischer
Pfaffenwaldring 55 70569
Stuttgart
Telefon ++49+711/685 4367
Telefax ++49+711/685 4269
email doering@ocindy5.chemie.uni-stuttgart.de

*State Academy of Art and Design Stuttgart
Department of Paper and Book Conservation
Höhenstraße 16
70736
Fellbach
Telefon ++49+711/582940
Telefax ++49+711/586453
email gerhard.banik@sabk.de; ulrike.binder@sabk.de

+ ZFB Zentrum für Bucherhaltung GmbH
Mommsenstraße 7 04329 Leipzig
Telefon ++49+0341/2598935
Telefax ++49+0341/2598998
email Info@ZFB.com

Bestandserhaltung in den niedersächsischen Staatsarchiven - Ein Bericht aus der Praxis
- Dr Hubert Höing

Die Tätigkeit der öffentlichen Archive in Niedersachsen ist seit 1993 gesetzlich geregelt. Als ihre vordringlichste Aufgabe wird in § 1 des "Gesetzes über die Sicherung und Nutzung von Archivgut in Niedersachsen" neben anderem die Sicherung, Erhaltung und Instandsetzung des Archivgutes genannt.

1. Vorbeugende Maßnahmen / Verfilmung

Die Aufgabe ist nicht neu für die Archive. So wurde beispielsweise im Gefolge der "Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten" von 1954 die Sicherungsverfilmung eingeführt, eine Aufgabe, die - im Auftrage und auf Kosten des Bundes - seit 1961 für das gesamte Land Niedersachsen und seit 2 Jahren auch für das Land Bremen im Staatsarchiv Bückeburg durchgeführt wird. An die 80 Millionen Urkunden und Aktenblätter sind seit dieser Zeit verfilmt und die Aufnahmen auf 35-mm-Rollfilm in einem ehemaligen Bergwerkstollen eingelagert worden. Die Aufgabe ist eine Daueraufgabe und wird - allein im Staatsarchiv Bückeburg - mit sechs Angestellten an 4 Kameras betrieben. Sie fertigen jährlich etwa 1,8 Millionen Aufnahmen an.

Dient die Sicherungsverfilmung der Vorbeugung des schlimmsten denkbaren Unglücksfalls mit einem vollständigen Verlust der historischen Quellen durch eine plötzliche Katastrophe, so ist die Schutzverfilmung Teil des Konzeptes zur Erhaltung des Archivgutes vor schleichendem Zerfall. Strapaziert wird das Original ja in erster Linie durch den Benutzer. Wer beobachtet hat, wie unersetzliche Unikate bei der Benutzung - insbesondere beim Kopieren - häufig malträtiert werden, wird mir zustimmen, dass die Vorlage von Ersatzformen eine besonders effektive Maßnahme zur Erhaltung des Archivguts ist. Zu diesem Zweck werden von den Sicherungsfilmen - vor ihrer Einlagerung in dem Bergwerksstollen - Duplikate in Form von Microfiches angefertigt, die dem Benutzer an Stelle des Originals vorgelegt werden. Das Original-Archivale bleibt unberührt im Magazin liegen und wird so geschont. Geschont wird das Original auch bei der Nachfrage nach Kopien, weil der Benutzer in eigener Regie vom Fiche am Filmscanner-Printer Kopien anfertigen oder in der Fotowerkstatt Abzüge anfertigen lassen kann. Das gescannte Bild kann in digitalisierter Form an jede E-mail-Adresse verschickt werden.

Vorzugsweise werden Schutzfilme von demjenigen Archivgut angefertigt, das in seiner Existenz gefährdet ist und häufig benutzt wird. Die Mittel, die der niedersächsischen Archivverwaltung im langjährigen Durchschnitt für die Anfertigung von Microfiches zur Verfügung stehen, reichen für die Konvertierung von etwa 500.000 Aufnahmen. Die Durchführung wird als Dienstleistung an ein niederländisches Fachunternehmen in Lisse vergeben.

Zum Schutz der Originale werden auch die Karten und Pläne systematisch - und zwar auf Planfilm - verfilmt. Foto-Abzüge in DIN A 4-Größe werden - nach Signatur geordnet - karteiförmig im Benutzersaal aufgestellt und stehen dort anstelle des Originals zur Verfügung. Von den Foto-Abzügen können Xerokopien als Arbeitsgrundlage gefertigt werden. Für Fotoaufträge wird das vorhandene Negativ genutzt. Das Original bleibt unberührt im Magazin und wird so geschont. Auch in diesem Fall ist es möglich, dass die Karten-Negative eingescannt werden und die Bilder in digitalisierter Form zur weiteren Bearbeitung zur Verfügung stehen.

Eine Alternative zur Aufbewahrung des Originals wäre theoretisch die ersatzweise Verfilmung von Archivalien. Nach der Verfilmung würden die Original-Archivalien vernichtet und an ihrer Stelle die Filme aufbewahrt. Diese Form der Ersatz-Verfilmung gibt es in Niedersachsen nicht. Trotz des geringeren Platzbedarfs der Filme gegenüber den Originalen ist an dem Einspareffekt zu zweifeln; hinzu kommen Probleme mit der Erhaltung des Beweiswertes. Ähnliches gilt auch für die ersatzweise Aufbewahrung in digitalisierter Form; zu den genannten Zweifeln gesellen sich hier noch Zweifel an der technischen Lesbarkeit und Benutzbarkeit sub specie aeternitatis.

2. Restaurierung beschädigter Archivalien

Bei der Schutzverfilmung handelt es sich um eine vorbeugende Maßnahmen zur Vermeidung von Schäden. Wenn Archivalien jedoch bereits beschädigt sind, müssen sie restauriert werden, damit sie wieder gebraucht werden können. Zu diesem Zweck sind in Niedersachsen in jedem Staatsarchiv und in einigen größeren Kommunalarchiven Restaurierungswerkstätten eingerichtet worden, wo die von Benutzern, von Mäusen oder Silberfischen, vom Schimmel oder Tintenfraß angegriffenen Dokumente instandgesetzt werden. Eine besondere Stellung hat die Restaurierungswerkstatt des Staatsarchivs in Bückeburg.

Hier wird zentral für alle niedersächsischen Staatsarchive in einem arbeitsteiligen und deshalb überdurchschnittlich effektiven Verfahren die Massenrestaurierung von Archivalien vorgenommen. Zu diesen Archivalien gehören z. B. die ca. 5000 Fach Akten, die im Jahre 1946 beim Hochwasser der Leine in Hannover überschwemmt worden sind. Unter Aufsicht und Anleitung eines Restaurators sind hier 9 Angestellte tätig. Die Werkstatt ist mit allen wichtigen technischen Hilfsmitteln - z. B. Laminar-Flow-Werkbänken, Heißsiegelpressen, Vakuumtisch und Vakuum-Trockenschrank - ausgestattet. Jährlich werden ca. 150.000 Blätter und ca. 2.000 Karten restauriert und wieder gebrauchsfertig gemacht. Überwiegend handelt es dabei um frühneuzeitliche Hadernpapiere.

3. Neutralisierung säurehaltiger Papiere im Staatsarchiv Bückeburg

Bei den Archivalien aus dem 19. und 20. Jahrhundert handelt es sich bekanntlich überwiegend um Papiere, die im sauren Medium aus Holz hergestellt wurden, die auf Grund unaufhaltsamer chemischer Prozesse brüchig werden und zerfallen. Verfahren zur Konservierung bzw. Entsäuerung sind im Grundsatz seit den 30-er Jahren bekannt. Doch die Werkstätten, die mit herkömmlichen Methoden im Handbetrieb arbeiten, sind überfordert. Dazu sind die Mengen zu groß und die Werkstätten zu klein.

- Mengengerüst
Eine ungefähre Vorstellung von der Größenordnung, um die es hierbei geht, vermittelt eine Erhebung aus dem Jahre 1989; demnach beträgt der Gesamtumfang der Archivalien, die in den niedersächsischen Staatsarchiven verwahrt werden, etwa 67 Regalkilometer; davon bestehen etwa 32 km aus Papier, das nach 1850 hergestellt wurde. Allein in den staatlichen Archiven Niedersachsens befinden sich demnach ca. 200 Mio. Blatt Papier, die in ihrer Existenz gefährdet sind, wenn sie nicht bald behandelt werden. Ein Teil davon ist schon heute so stark geschädigt, daß er nicht mehr im Original, sondern nur in Kopie zur Benutzung vorgelegt werden kann. Dass Länder wie Nordrhein-Westfalen mit einer 2,5-fachen Einwohnerzahl auch entsprechend größere Archivbestände haben, versteht sich von selbst. Der Gesamtumfang an Archivgut in den staatlichen Archiven Deutschlands wird auf 1125 km, der konservierungsbedürftige Anteil auf 750 km geschätzt. Eine Lösung dieses Problems konnte demnach nur in der Entwicklung eines maschinellen Verfahrens bestehen.

- Anforderungen
Im Staatsarchiv Bückeburg wurden schon 1976 erste Überlegungen zur Entwicklung eines maschinellen Neutralisationsverfahrens für Archivalien angestellt. Ziel des angestrebten Verfahrens sollte die Neutralisierung des sauren Papiers und daneben die Festigung seiner Struktur sein, so dass es wieder zur Benutzung vorgelegt werden kann. Dabei war zu berücksichtigen, daß jedes Dokument ein originales Unikat ist, dessen Charakter nicht verfälscht werden darf, daß unter-schiedlichste Papiersorten und -formate in einer Archivalieneinheit vorkommen und dass die unterschiedlichen Schreibstoffe (Tinten, Stempelfarben) in der Regel wasserlöslich sind. Das Verfahren sollte umweltverträglich und ungefährlich für die Gesundheit der Arbeitnehmer und der Nutzer sein. Die beiden damals bekannten Verfahren erfüllten diese Voraussetzungen nicht. Das maschinelle Verfahren sollte erheblich kostengünstiger als das manuelle Verfahren sein.

- Verfahrensentwicklung
Zunächst wurden Versuchspapiere mit flüssigem Ammoniak bzw. mit konzentrierter Natronlauge behandelt. Diese Versuche erwiesen sich für Archivalien als ungeeignet, weil die Behandlung mit Ammoniak zu einer Schrumpfung des Papiers führte und die Natronlauge auf die Schreibstoffe sehr aggressiv einwirkte. Als geeigneter erwies sich das seit den 30-er Jahren bekannte Neutralisieren und Puffern mit den in Wasser gelösten Erdalkalisalzen Magnesium- oder Calciumcarbonat. Für ein wässeriges Verfahren sprach und spricht, dass dabei gewisse Schadstoffe ausgewaschen werden und die Papierfasern aufquellen, so dass die Papierstruktur sich regeneriert und das Papier wieder geschmeidig wird. Diesem vorteilhaften Nebeneffekt des wässerigen Verfahrens stand am Anfang das Problem gegenüber, dass die meisten Tinten beim Kontakt mit Wasser auslaufen. Dieses Problem wurde 1983 im Auftrage des Staatsarchivs vom Institut für Textil- und Faserchemie der Universität Stuttgart untersucht und mit dem Finden eines geeigneten Fixiermittels prinzipiell gelöst. Seit 1987 wurde damit begonnen, ein maschinelles Konservierungsverfahren zu entwickeln. Im Jahre 1992 wurde eine Pilotanlage im neuen Werkstattgebäude des Staatsarchivs in Bückeburg aufgebaut. Der mehrjährige archivfachliche Probebetrieb endete Mitte 1996. Im Verlauf des Probebetriebs wurden insgesamt etwa 120 m (= ca. 1,2 Mio Blatt) kassiertes Verwaltungsschriftgut und Archivgut behandelt.

- Privatisierung
Um die Pilotanlage zu einer Produktionsanlage weiter zu entwickeln, wäre eine Investition erforderlich gewesen, für die kein Betrag zur Verfügung stand. Deshalb entschloss man sich zur Privatisierung. Die Verhandlungen mit der Firma Hans Neschen führten zu einem Vertragsabschluß im Herbst 1995 und zur Übergabe der Anlage im Sommer 1996.

Firma Neschen übernahm das "Bückeburger Verfahren" vom Staatsarchiv und gründete die Abteilung Archivcenter. Sie investierte zunächst in die technische Verbesserung der vorhandenen Anlage und ließ ein Nachfolgemodell entwickeln. Im Dezember 1997 wurde das Bückeburger Konservierungsverfahren feierlich als EXPO-Projekt registriert. Das Staatsarchiv hat die wissenschaftliche Begleitung des Projektes übernommen.

- Restaurierung von Karten
Die Restaurierung von einigen zig-tausend handgezeichneten Karten wurde notwendig, als in den vergangenen Jahren die Unterlagen des ehemaligen Landeskulturamtes über die Gemeinheitsteilung und Flurbereinigung des 19. Jahrhunderts an die Staatsarchive abgegeben wurden. Vor der Restaurierung müssen sie entsäuert werden. Eine maschinelle Behandlung ist wegen des großen Formates nicht möglich. Daher werden diese Karten bei uns weiterhin manuell entsäuert. Das arbeitsteilige Verfahren wird ständig weiterentwickelt und optimiert.

4. Praktische Erfahrungen mit den Konservierungsverfahren

- Finanzierung und Auswahl
Seit einigen Jahren stehen jährlich etwa DM 300.000 für die Konservierung von Archivalien im niedersächsischen Landeshaushalt zur Verfügung. Diese Mittel (über die Kosten spreche ich gleich) reichen bei weitem nicht aus, um in absehbarer Zeit den gesamten Bedarf zu befriedigen. Deshalb ist es nötig, Prioritäten zu setzen und eine Auswahl zu treffen. Laut Beschluss der Konferenz der Leiter der niedersächsischen Staatsarchive sollen vorzugsweise Archivalien aus der Zeit zwischen 1918 und 1960 zur Behandlung gegeben werden. Archivalien von hoher inhaltlichen Bedeutung sollen oberste Priorität haben. Ferner orientiert sich die Auswahl am Grad der Existenzgefährdung und an der Benutzungshäufigkeit. Nach diesen Grundsätzen trifft das verwahrende Archiv die Auswahl in eigener Regie. So hat das Hauptstaatsarchiv in Hannover z. B. den wichtigen, in der Existenz gefährdeten Bestand NSDAP - Gau Südhannover / Braunschweig oder den Bestand Niedersächsische Staatskanzlei, soweit er aus der unmittelbaren Nachkriegszeit stammt und aus schlechtestem Papier besteht, konservieren lassen.

Alle niedersächsischen Staatsarchive sollen berücksichtigt werden. Die Reihenfolge wird in der jährlichen Direktorenkonferenz besprochen und festgesetzt. Die Haushaltsmittel des Landes für die Konservierung werden von Staatsarchiv Bückeburg zentral verwaltet. Die Organisation des Transports wird von jedem Staatsarchiv selbst in die Hand genommen, nachdem es sich vorher vergewissert hat, dass genügend Haushaltsmittel zur Verfügung stehen.

Die Kosten für die Konservierung von deponierten Beständen - z. B. von Kommunen oder Vereinen - müssen von den Eigentümern selbst getragen werden. So stellen die Stadt Bückeburg und der Landkreis Schaumburg seit einigen Jahren regelmäßig eine bestimmte Summe Geld für diesen Zweck zur Verfügung.

- Umfang der bisherigen Praxis
- - Bückeburger Verfahren
Aufgrund der soeben geschilderten Verfahrensgeschichte ist das Bückeburger Verfahren bei der Vergabe von Aufträgen bisher bevorzugt worden. In den vergangenen Jahren wurden bei der Firma Neschen - Archivcenter insgesamt etwa 150 lfd. m Archivgut der Staatsarchive in Hannover, Stade und Bückeburg behandelt. Dabei handelte es sich fast ausschließlich um loses, ungebundenes „gebüscheltes" Archivgut.

- - Battelle-Verfahren (Paper-save)
Gebundenes Archivgut wurde in größerem Umfang zur Behandlung nach dem Battelle-Verfahren nach Eschborn gegeben. Von einem Karton mit Testpapieren aus dem Staatsarchiv in Bückeburg abgesehen, wurden ausschließlich gebundene Archivalien des Staatsarchivs Wolfenbüttel in diesem Verfahren behandelt. Die ersten Erfahrungen datieren von 1996, als 4 Körbe (ca. 1 lfd. m) behandelt wurden. Insgesamt wurden bisher ca. 130 lfd. m Akten bei Battelle entsäuert.

- - Bookkeeper-Verfahren
Im Jahre 1998 wurden aus dem Bestand „Schaumburg-Lippische Landesregierung" des Staatsarchivs Bückeburg probeweise die Entsäuerung von ca. 8 lfd. m gebundenen Akten und ca. 5 lfd. m gebüschelten Akten nach dem Bookkeeper-Verfahren bei der Firma Archimascon in Heerhugowaard in Auftrag gegeben. Im Jahre 1999 wurden aus dem Staatsarchiv Osnabrück ca. 35 lfd. m gebundene Akten nach dem Bookkeeper-Verfahren behandelt.

- Ablauforganisation
Die Terminabsprache und den Transport organisiert jedes Staatsarchiv selbst. Meistens wurde der Archiv-eigene Transporter für diesen Zweck genutzt. Eine Transportversicherung wird dafür nicht abgeschlossen. Die Abrechnung der Kosten für die Dienstleistung der Firmen erfolgt für alle niedersächsischen Staatsarchive zentral durch das Staatsarchiv in Bückeburg.

- - Bückeburger Verfahren
Die Firma Neschen bietet ein umfassendes Dienstleistungs-Programm an zur Konservierung, Restaurierung und Magazinierung. Weil in den Werkstätten des Bückeburger Staatsarchivs jedoch sowohl das einschlägige Know-how wie auch die nötigen Arbeitskräfte vorhanden sind, ist mit der Firma Neschen vereinbart worden, dass ihre Dienstleistung sich auf die maschinelle Neutralisation nach dem Bückeburger Verfahren inklusive notwendiger Vorarbeiten beschränkt. Die niedersächsischen Staatsarchive lassen bei der Firma Neschen also nur diejenigen Arbeiten erledigen, die sie selbst nicht bzw. nicht kostengünstiger erledigen können. Das Bückeburger Verfahren ist jedoch nur für Einzelblätter anwendbar. Gebundene Akten müssten vor der Behandlung auseinander genommen werden.

Die Vorarbeiten wie z. B. die Entfernung von Eisenteilen und die Foliierung, die aus verfahrenstechnischen Gründen vor der Behandlung vorgenommen werden müssen, sind identisch mit den Arbeiten, die jeder Magazinierung in den niedersächsischen Archiven vorausgehen. Die behandelten Akten können am Ende der Behandlung magazinfertig ausgeliefert werden. Die niedersächsischen Staatsarchive haben sich entschlossen, zunächst nur solche Archivalien in die Behandlung zu geben, die bereits geordnet bzw. verzeichnet und weitgehend magazinfertig sind, so dass die notwendigen Vorarbeiten stark reduziert werden; dadurch werden Kosten gespart, die der Hauptsache - der Neutralisierung der Papiere - zugute kommen. Auf die Behandlung der Unterlagen, die nicht in der Anlage behandelt werden dürfen wie z. B. besiegelte Notariatsurkunden oder stark beschädigte Blätter, wird verzichtet.

Die niedersächsischen Staatsarchive legen Wert darauf, dass in jede Archivalieneinheit ein Behandlungsprotokoll eingelegt wird, in dem die angewandten Methoden, Materialien und Chemikalien ausreichend dokumentiert werden.

Nach der maschinellen Entsäuerung bei Firma Neschen werden die Akten nicht unmittelbar zum verwahrenden Archiv zurückgebracht, sondern gelangen zu-nächst in die zentralen Werkstätten des Staatsarchivs in Bückeburg. Die Objekte, die das reguläre Verfahren nicht durchlaufen und deshalb bei den Vorbereitungsarbeiten durch die Firma Neschen separiert worden sind, werden unbehandelt der Bückeburger Restaurierungswerkstatt übergeben. Dort werden die Restarbeiten im manuellen Verfahren erledigt: sei es die Entsäuerung oder die Restaurierung beschädigter Objekte. ZnO-Kopien oder kartonierte Aktendeckel werden kopiert, die Kopien an ihre Stelle in die Akte gelegt; die Kopier-Vorlagen werden zusammen in eine säurefreie Mappe gesteckt und zur Akte genommen. Das Behandlungsprotokoll wird entsprechend ergänzt. Wenn die Akten die Restaurierungswerkstatt des Staatsarchivs in Bückeburg verlassen, sind sie magazinfertig und gebrauchsfertig für die Benutzung. Selbstverständlich können die Nacharbeiten, die wir im Archiv durchführen, auch von der Firma Neschen durchgeführt werden. Wir verfahren jedoch nach dem Grundsatz: Was wir in eigener Regie erledigen können, wird von uns selbst gemacht; was wir nicht erledigen können, lassen wir durch Dritte erledigen. Die Möglichkeit, alle Arbeiten durch einen kompetenten kommerziellen Anbieter wie die Firma Neschen erledigen zu lassen, werden dagegen insbesondere diejenigen Archive begrüßen, die im Bereich Restaurierung und Magazinierung unter erheblichem Personalmangel leiden.

- - Andere Firmen
Bei dem Verfahren der Firma Battelle und dem Verfahren der Firma Archimascon wurden die Akten vom Archiv-eigenen Personal in die von den Firmen gelieferten Körbe bzw. Kästen gepackt. Da die Wirksamkeit beider Verfahren z. T. von der fachgerechten Verpackung abhängt, ist diese Arbeit sorgfältig vorzunehmen. Nach der Neutralisation und Rückkehr werden sie im übrigen in dem Zustand quo ante vom Archivpersonal wieder eingeräumt, nachdem ein vom Archiv gefertigtes Behandlungsprotokoll in jede Archivalieneinheit eingelegt worden ist.

- - Kontrolle
Die Akten werden bei der Reponierung ins Magazin auf Vollständigkeit geprüft. Die Qualitätskontrolle wird von den Firmen vorgenommen und garantiert. Unabhängig davon prüft das Staatsarchiv die Qualität anhand von Prüfpapieren, die stichprobenartig und in unregelmäßigen Abständen den Chargen beigegeben werden. Die Prüfung kann nur auf zweierlei Weise erfolgen:
a) Es wird der pH-Wert durch Kaltextrakt nach DIN 53124 gemessen.
b) Es wird die gleichmäßige Verteilung der Pufferung auf der Oberfläche geprüft, indem das Prüfpapier mit einem Universal-Indikator besprüht wird. Eine weitere Prüfung ist - vor allem auf Dauer - aus Kostengründen nicht möglich.

- Kosten
Lassen Sie mich am Ende noch etwas zu den Kosten sagen, obwohl es schwer ist, dazu überhaupt etwas Vergleichbares zu sagen, weil z. B. die Einheiten, die der Berechnung zugrunde gelegt werden, ebenso unterschiedlich sind wie die Leistungen, die im Preis enthalten sind. Während nämlich im einen Fall die Blattzahl der Berechnung zugrunde gelegt wird, wird im anderen nach Gewicht gerechnet. Im einen Fall ist die Foliierung und Säuberung der Akten von rostenden Eisenteilen vorgesehen, im anderen Falle geschieht auf diesem Gebiet nichts. Im einen Fall ist eine Leimung der Papiere inbegriffen, in den anderen Fällen nicht. Manchmal gibt es einen Mengenrabatt, manchmal einen Treuerabatt.

Der mögliche Auftraggeber tut also gut daran, sich die Preise und die Leistungen der Anbieter genauestens anzusehen und sich selbst darüber klar zu werden, welche Leistungen für ihn wichtig sind. Ein kleines Archiv, das nur mit zwei Personen besetzt ist - ohne Werkstatt und ohne Magazinpersonal - wird die Angebote anders gewichten und anders nutzen als die niedersächsischen Staatsarchive mit den Möglichkeiten der zentralen Bückeburger Restaurierungswerkstatt.

Nach dieser Vorrede will ich Ihnen trotzdem ein paar Zahlen nennen, die zwar mit der erbetenen Vorsicht aufzunehmen sind, die aber möglicherweise geeignet sind, Ihnen eine Vorstellung von der Größenordnung zu geben.

- - Kosten für die Verfilmung
Im Staatsarchiv Bückeburg belaufen sich die Kosten der Sicherungsverfilmung für eine Aufnahme (und das heißt für ein Blatt) auf etwa DM 0,24. Pro Kilo wären das 48 DM (das Kilo zu 200 Blatt gerechnet), pro lfd m DM 1440 (den Meter zu 6000 Blatt gerechnet). Darin sind jedoch nur die Personal- und Sachkosten für die Filmstelle enthalten. Der Gemeinkostenanteil bleibt in dieser Rechnung unberücksichtigt. Für die Duplizierung bzw. Konvertierung einer Aufnahme zum Zweck der Benutzung bezahlten wir 1999 DM 0,10.

- - Kosten für die Restaurierung
Die Kosten für die Massenrestaurierung von Einzelblättern (z. B. aus einem Wasserschaden) sind im Einzelfall sehr unterschiedlich. Sie liegen bei uns im Durchschnitt zwischen DM 2,50 und DM 4,50. Die Kosten für die Restaurierung von Karten in großen Chargen belaufen sich im Durchschnitt auf DM 180,00 je Stück.

- - Kosten für die Entsäuerung
Demgegenüber erscheinen die Kosten für die Neutralisation beinahe gering: Im vergangenen Jahr haben wir für die Behandlung nach dem „Bückeburger Verfahren" mitsamt Vorbereitung, Neutralisation, Pufferung und Nachleimung im Durchschnitt DM 0,35 (inkl. MWSt) bezahlt; das sind pro Kilo DM 70,00 oder pro lfd. m DM 2100,00. Um also 10 lfd. m Archivgut nach dem „Bückeburger Verfahren" zu entsäuern, haben wir DM 21000 aufbringen müssen. Für 1000 lfd. m wäre demnach ein Betrag von 2,1 Mill. DM nötig, für die ca. 30 km Akten in Niedersachsen aus der Zeit nach 1850 der stolze Betrag von rund 63 Mill. DM.

5. Schlussbemerkung

Wenn man nicht für eine Ersatzverfilmung anstelle des Originals plädiert, ist es das Ziel aller restauratorischen und konservatorischen Maßnahmen, das Dokument in seinem äußeren Zustand und seiner inhaltlichen Aussage möglichst authentisch zu erhalten bzw. zu verbessern, damit das Dokument auch in Zukunft genutzt werden kann. Diesem Ziel dient die Neutralisation und Festigung säurehaltiger Papiere. Nachdem lange Zeit ein brauchbares Verfahren zur Bewältigung der ungeheuer großen Mengen vermisst worden ist, gibt es inzwischen mehrere marktgängige Verfahren. Der Wirkungsgrad der Verfahren bei der Neutralisation und Festigung sollte an erster Stelle für die Entscheidung, welches Verfahren bevorzugt wird, maßgeblich sein. Daher ist eine vergleichende Untersuchung aller Verfahren, wie sie Herr Prof. Banik in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützten Projekt vornehmen will, ein dringendes Desiderat. Einige Publikationen sind, soweit sie hier bekannt sind, nicht mehr auf dem neuesten Stand der Entwicklung oder erfüllen kaum die Ansprüche, die an eine solche systematisch-wissenschaftliche Analyse gestellt werden müssen. Alle anderen Gesichtspunkte stehen dahinter zurück.

Dr Hubert Höing: Geboren 1944 in Rhede Krs. Borken/Westfalen. Nach Abitur und Grundwehrdienst Studium der Fächer Latein und Geschichte in Münster. Promotion 1977. 1987 - 1992 Referent bzw. Abteilungsleiter im Hauptstaatsarchiv Hannover. Seit 1993 Leiter des Staatsarchivs in Bückeburg. Vorsitzender der Historischen Arbeitsgemeinschaft für Schaumburg und Herausgeber der Schaumburger Studien.

Bestandserhaltung im Bundesarchiv - Die Rolle der Massenentsäuerung tock conservation in the federal archives: the role of mass deacidification
- Dr R. Hofmann

Bis vor vielleicht 10 Jahren wurde auch im Bundesarchiv unter Erhaltung und Sicherung von Archivgut im wesentlichen verstanden, nach Möglichkeit sachgerechte Magazine anzustreben und das dort geborgene Archivgut durch Mikroverfilmung zu schonen und leichter benutzen zu können. Für ganz schwierige Fälle gab es noch Restaurierungswerkstätten, in denen Einzelstücke handwerklich geschickt bearbeitet werden konnten.

Diese Werkstätten hatten untereinander wenig Kontakte, wenig informellen Austausch, waren zudem personell unterbesetzt, ihre Mitarbeiter häufig fachlich fremd eingesetzt - kurzum, man ahnte, daß das nicht reicht, wußte es aber andererseits aber auch nicht besser. Von einem Konzept war noch nicht die Rede, noch viel weniger von Instrumentarien und Methoden und das Referat mit der Zuständigkeit für die Archivtechnik wurde einst höheren Orts noch abschätzig als "Klempnerladen" abgetan.

Diese Haltung begann sich, dem Trend in der Archivwelt folgend, mit Beginn der 90er Jahre allmählich zu ändern, wobei zusätzlich gerade im Bundesarchiv durch den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland und damit der Vereinigung mit dem Zentralen Staatsarchiv in Potsdam und wenig später mit dem Parteiarchiv der SED weitere Werkstatteinheiten zum Bundesarchiv kamen und die Notwendigkeit einer gemeinsamen Organisation evident wurde.

Mit einer ersten Sachstandsaufnahme aus dem Jahre 1994 wurde der wahrhaft gigantische Bedarf des Bundesarchivs im Bereich der Bestandserhaltung nicht mehr nur als diffuse Größenordnung, deren Umfang man bislang nur ahnte, aber nicht präzisieren konnte, erstmals offenbar. Ich will Sie nicht mit allzuviel Zahlen belasten, aber einige dieser Zahlen, die später noch eine Präzisierung nach oben erfuhren, müssen zur Veranschaulichung des Problems genannt werden: In den höchsten beiden Prioritätsstufen (es waren fünf vorgegeben) wurde der Bedarf an Restaurierungsmaßnahmen durch die Fachreferate mit etwa 3.700 lfm, der an Konservierungsmaßnahmen mit etwa 10.500 lfm und der an Schutzverfilmung mit ca. 9.000 lfm angegeben.

Eine fast zu gleicher Zeit seitens der Verwaltung durchgeführte Personalbedarfsermittlung hat für den Bereich der Bestandserhaltung (ohne Film) immerhin eine Größenordnung von mehr als 4.300 Mannjahren ergeben.

Das Vorhandensein zahlreicher Werkstätten nach der Wiedervereinigung einerseits, andererseits die angeführten Größenordnungen begründeten die dringende Erfordernis für eine Neuordnung der Bestandserhaltung im Bundesarchiv.

Primär sind die Werkstätten des Bundesarchivs neu organisiert worden. Das Bundesarchiv verfügt nunmehr über eine zentrale Restaurierungswerkstatt in Berlin und eine kleinere Restaurierungswerkstatt in Koblenz, über Schutzverfilmungsstellen in Berlin und Koblenz und schließlich als Besonderheit am Dienstort Freiburg über eine Restaurierungswerkstatt und eine Verfilmungsstelle nur für Großformate.

Außerdem wurden die Geräte, vereinheitlicht und auf den neuesten Stand gebracht, die Methoden angeglichen, so daß in Koblenz nicht wesentlich anders restauriert wird als in Berlin, das Personal befristet ausgetauscht, für einheitliche Ausbildung gesorgt. Die Beschaffung von Gerät und Verbrauchsmaterial erfolgt zentral, ebenso die Steuerung von Ausbildungsmaßnahmen. Neu ist auch die zentrale Zuweisung der Aufgaben, so daß also heute ganz selbstverständlich Akten der Kaiserlichen Marine aus Freiburg in Berlin restauriert und derzeit z.B. die Pläne der "Bauakademie der DDR", eines Berliner Bestands, in Freiburg verfilmt werden.

Parallel zum Neuaufbau der Werkstätten wurden sie durch Privatisierungsmaßnahmen von Arbeiten entlastet, die sie bislang zusätzlich zu ihren Schutzverfilmungs- oder Restaurierungsarbeiten durchzuführen hatten.

Dies bedeutet im Reprografiebereich, daß sämtliche reprografische Arbeiten für die Benutzer des Bundesarchivs nunmehr von Firmen ausgeführt werden, so daß die dadurch frei gewordene Kapazität der eigenen Mitarbeiter der Bestandserhaltung zugute kommt.

Im Bereich der Restaurierungswerkstätten sind alle buchbinderischen Arbeiten, die bislang dort mit erledigt werden mußten, mittlerweile vollständig an eine Buchbindefirma vergeben worden, so daß auch hier die frei gewordene Kapazität, der Restaurierung zugute gekommen ist.

Da jedoch von Anbeginn an zu erkennen war, daß der große Bedarf von hauseigenen Werkstätten auch nicht annähernd befriedigt werden konnte, werden die Arbeiten der Werkstätten durch privat vergebene Aufträge ergänzt und verstärkt. Dies geschieht in großem Umfang im Bereich der Mikroverfilmung, dies geschieht aber auch im Bereich der manuellen Restaurierung - z.B. werden die Archivalien des Reichskammergerichts seit nunmehr fünf Jahren außer Haus restauriert - , dies geschieht im Bereich der Schimmelbekämpfung, der Umkopierung von Nitrozellulosenegativen, und seit einigen Jahren, im Bereich der Papierentsäuerung.

Das Bundesarchiv, in dessen Magazinen derzeit mehr als 250 lkm Schriftgut liegen, ist in besonderem Maße vom Papierzerfall bedroht. Von Vorläufern wie z.B. dem Deutschen Bund,oder der Nationalversammlung von 1848 abgesehen, setzt die Zuständigkeit des Bundesarchivs mit Gründung des Deutschen Reichs 1871 ein, d.h. mit einem Zeitpunkt, zu dem die industrielle, also säurehaltige Papierproduktion bereits in vollem Gange ist. Im Gegensatz zu anderen Archiven mit meist erheblich länger zurückreichender Überlieferung, ist das Bundesarchiv zu fast 100% seiner Bestände vom Papierzerfall bedroht (wohingegen der Tintenfraß so gut wie keine Rolle spielt).

Demzufolge hat sich das Bundesarchiv schon sehr frühzeitig, zu Beginn der 80er Jahre mit den Anfängen der Papierentsäuerung beschäftigt, sich jedoch aufgrund der ersten, fast zwangsläufigen Fehlschläge - ich erinnere an die ersten Versuche mit Natronlauge - wieder zurückgezogen. Seit Mitte der 90er Jahre war das Bundesarchiv auf der Suche nach dem "richtigen" Verfahren, hat Probeentsäuerungen bei verschiedenen Anbietern durchführen lassen und die Ergebnisse selbst verglichen oder vergleichen lassen.

1997 hat sich das Bundesarchiv schließlich nach eingehender Prüfung der marktgängigen Verfahren für ein bestimmtes Verfahren entschieden, und zwar für das sog. Bückeburger Verfahren.

Dieses Verfahren ist vom Niedersächsischen Staatsarchiv in Bückeburg entwickelt worden für Archivalien, d.h. also für heterogene Papiere

· unterschiedlicher Produktion,
· verschiedener Produktions- und Verwendungszeiten,
· unterschiedlicher Beschaffenheit und
· unterschiedlichen Zustands,
· mit völlig verschiedenen Beschreibungen mit unterschiedlichsten Beschreibstoffen

kurzum, für Papiere, wie sie in den Archiven gang und gäbe sind. Es ist also nicht entwickelt von einer Bücherei für Bücher mit homogenem Papier und einheitlicher Bedruckung, sondern auf die archivischen Bedürfnisse von vornherein zugeschnitten. Demzufolge ist es ein Einzeblattverfahren und für Bücher nur dann geeignet, wenn man sich zum Aufschneiden bzw. zum Entbinden entschließen würde.

Beim "Bückeburger Verfahren werden die Blätter derzeit einzeln per Hand in Transportrahmen senkrecht in eine Entsäuerungsmaschine eingehängt. Automatisch und rechnergestützt erfolgt der Transport und das Eintauchen der Papiere in ein Fixierbad, um die Schreibmittel vor der eigentlichen Behandlung vor dem Ausbluten und Auslaufen zu schützen. Nach kurzer Zwischentrocknung bei maximal 50 Grad Celsius werden die Blätter in eine konzentrierte Lösung von Magnesiumhydrogencarbonat und Leim gegeben. Dabei erfolgen die eigentliche Neutralisierung und die alkalische Pufferung und gleichzeitig die Festigung des Papiers durch Leimung. Nach einer Schlußtrocknung, erneut bei maximal 50 Grad Celsius, werden die Blätter wiederum von Hand den Rahmen entnommen und geglättet.

Nicht alle Archivalienarten sind für diese Behandlung geeignet. Es ist demzufolge sehr wichtig, vorher mit Vertretern der Firma eine genaue Durchsicht der Archivalien vorzunehmen. Dabei muß festgelegt werden, welche Papiere vor der maschinellen Behandlung entnommen werden müssen und was mit ihnen geschehen soll. Z.B. können sie auf säurefreie Papiere kopiert werden, überhaupt keiner Behandlung unterzogen und hinterher wieder eingefügt werden oder manuell im sog. by-pass behandelt werden. Entfernt werden müssen z.B. Zinkoxydkopien, Fotografien, Aktendeckel, Telegramme mit aufgeklebten Streifen u.ä.m. Ebenfalls entfernt werden muß das Metall (Büroklammern). Aufgrund der vorausgegangenen Absprache übernimmt die Firma diese Vorbereitungsarbeiten.

Am Ende der maschinellen Behandlung werden die Blätter wieder zu ihrer ursprünglichen Archivalieneinheit zusammengeführt und in neue, säurefreie Mappen und ggf. in Kartons eingelegt. Auf Wunsch kann durch die Firma gelumbeckt werden. Ebenso können auf Wunsch Etiketten mit der Signatur auf die Mappen oder Kartons aufgeklebt werden.

Jeder Archivalieneinheit wird ein Bearbeitungsprotokoll beigefügt, in dem die wichtigsten Bearbeitungsschritte dokumentiert werden. Seitens der Firma erfolgen Kontrollen der Wirksamkeit der Behandlung anhand nach dem Zufall ausgewählter standardisierter saurer Holzschliffpapiere, die die Behandlung zusammen mit dem Archivgut regelmäßig durchlaufen.

Aus der Sicht des Bundesarchivs bietet dieses Verfahren, das wir morgen nachmittag noch näher kennenlernen werden, folgende Vorteile:

· Durch die blattweise Behandlung wird jedes einzelne Blatt gewissermaßen "individuell" behandelt, d.h. entsprechend seiner Beschaffenheit; damit ist eine besondere Gleichmäßigkeit und Homogenität der Behandlung gewährleistet
· Durch das Wasser als Medium werden Schadstoffe ausgewaschen, das Papier gereinigt
· Durch das Wasser quellen die Fasern und erhalten mehr Geschmeidigkeit
· Durch die Nachleimung wird eine Stabilisierung und Festigung erreicht, die es normalerweise erlaubt, das Papier wieder in die Benutzung zu geben (also nicht wie bei anderen Verfahren, wo u.U. noch eine nicht gerade billige Papierspaltung die Funktion der Festigung übernehmen muß)
· Es handelt sich um ein wäßriges Verfahren, das dem wäßrigen Herstellungsprozeß am nächsten kommt, mit einem Minimum an Chemie. (Die anwesenden Chemiker mögen darüber mitleidig lächeln: Mir ist ein Verfahren mit möglichst wenig Chemie lieber als ein chemikalienbefrachtetes, bei dem letztlich doch nicht so genau weiß, welche Folgereaktionen daraus irgendwann einmal erwachsen könnten.)

Bereits vor zwei Jahren hat das Bundesarchiv damit begonnen, Archivalien nach dem "Bückeburger Verfahren" durch Neschen in Bückeburg entsäuern zu lassen. Es wurde dafür - nach einem kleineren, zufriedenstellenden Probeauftrag - ein sehr hochwertiger Bestand, nämlich das Bundeskanzleramt, ausgewählt. Nach anfänglichen Problemen, die man gar nicht verschweigen soll und darf, mit dem Ausbluten von Schriften und dem Verwischen von Stempeln und mit einer unschönen Wellung des Papiers, sind keine weiteren verfahrensbedingten Schwierigkeiten aufgetreten, im Gegenteil, das Verfahren hat zunehmend die Billigung auch der Restauratoren gefunden. Ein Problem muß ich aber doch noch erwähnen - die Kapazität der Bückeburger Maschine ist arg begrenzt und gerade dieser Punkt machte beizeiten Bemühungen um eine eigene Bundesarchiv-Kapazität notwendig.

Das Bundesarchiv hat im Januar 2000 mit der Fa. Neschen einen Vertrag für zunächst fünf Jahre mit Verlängerungsmöglichkeit und -absicht geschlossen. In diesem Vertrag wird geregelt, daß durch Neschen eine neue Entsäuerungsmaschine in der Bundesarchiv-Außenstelle Dahlwitz-Hoppegarten bei Berlin aufgestellt und betrieben wird. Das Bundesarchiv richtet die Räume für die Bedürfnisse der Firma her und erhält dafür, ich will das gar nicht verschweigen, Sonderkonditionen. Außerdem garantiert das Bundesarchiv eine jährliche Auftragssumme in Höhe von DM 500.000,-- . Selbstverständlich darf und soll Neschen im Rahmen seiner freien Kapazität Entsäuerungsaufträge anderer Behörden und Institutionen annehmen und durchführen.

Diesem Vertrag gemäß übernimmt Neschen die Entsäuerungsarbeiten an Archivalien des Bundesarchivs und die zugehörigen Vorbereitungs- und Abschlußarbeiten. Als Standards sind vertraglich vorgegeben

· eine gleichmäßige Wirkung der Entsäuerung,
· das Erreichen eines pH-Werts von 8,0 bis 9,0 unabhängig vom Ausgangswert und
· die erhebliche Festigung des Papiers aufgrund der Nachleimung um mindestens 30%.

Bei dieser Vorgabe sind sich die Vertragspartner natürlich einig darin, daß an ausgesprochene Extremfälle diese Anforderungen nicht gestellt werden können: daß es also einerseits bei ungeschädigten Papieren nicht notwendigerweise zu einer erheblichen Festigung kommen wird und daß andererseits bei sehr stark geschädigten Papieren die Festigung nicht ganz erreicht werden kann, wobei man letztere im Regelfall gar nicht durch die Maschine laufen lassen wird.

Dem Vertrag liegen dabei ausdrücklich die Untersuchungsergebnisse der Bundesanstalt für Materialprüfung und des Niedersächsischen Staatsarchivs Bückeburg über die Festigkeitsveränderungen zugrunde.

Die zugesicherten Eigenschaften werden während der Bearbeitung der Aufträge des Bundesarchivs jährlich einmal auf Kosten der Fa.Neschen von einem unabhängigen Institut geprüft. Es wird vom Bundesarchiv benannt und teilt die Ergebnisse dem Bundesarchiv schriftlich mit. Bei Nichterreichen der Werte ist die Firma zur kostenfreien Nachbesserung verpflichtet.

Außerdem prüft das Bundesarchiv sporadisch den Grad der Entsäuerung durch eigene Oberflächenmessungen, wobei auch hier im Falle evtl. Mängel kostenfreie Nachbesserung vereinbart wurde.

Das "Bückeburger Verfahren" wird in Hoppegarten durch eine neue Entsäuerungsmaschine weitere technische Verbesserungen erfahren. Dazu gehören ein anderes, waagrechtes und damit noch schonenderes Transportverfahren über ein Rollensystem, die Zusammenführung von Bädern und die verstärkte Zufuhr von Frischwasser.

Hervorheben möchte ich an dieser Stelle, daß das Bundesarchiv keine Fehlerquote von vornherein vorgibt, die es hinzunehmen bereit wäre. Vielmehr müssen evtl. Fehler zunächst einmal festgestellt und zumindest der Versuch unternommen werden, sie zu beheben. Erst wenn dies nicht gelingt, ist die Frage ihrer Tolerierung, aber auch die einer Preisminderung zu prüfen. Dabei bin ich mir durchaus im Klaren, daß ein maschinelles Massenverfahren nicht fehlerfrei sein wird und sich im Laufe der Jahre eine gewisse Fehlerquote auch prozentual errechnen lassen wird. Diese Quote vorzugeben, erschiene mir jedoch zu riskant.

In Hoppegarten wird mit der Entsäuerung des Bestands "Ministerrat der DDR" begonnen werden. Danach sollen die Bestände "Politbüro der SED" und "Reichskanzlei" folgen und schließlich erneut mit dem Bestand "Bundeskanzleramt", bei dem bis dahin weitere Zuwächse zu erwarten sind, fortgefahren werden.

Das Bundesarchiv hat also die Bestände für die Entsäuerung ausgewählt, die es als seine wertvollsten ansieht, um mit den begrenzten finanziellen Mitteln wenigstens für diese Bestände ein Weiterbestehen über Jahrhunderte zu erreichen. Diese vier Bestände werden als die zentrale Überlieferung des Bundesarchivs angesehen und demzufolge "mit allen Mitteln" gesichert: sie werden manuell konservatorisch behandelt durch das Entmetallisieren, das Umbetten in säurefreie Mappen und Kartons, sie werden , falls nötig, manuell restauriert, sie werden entsäuert, gepuffert und restabilisert und sie werden schließlich verfilmt. Die drei Kriterien, die im Bundesarchiv für eine Priorität bestandserhaltender Maßnahmen ausschlaggebend sind - Zustand, Benutzungshäufigkeit und vor allem Wertigkeit - sind bei diesen Beständen selbstverständlich gegeben.

Es steht zu hoffen, daß diese insgesamt etwa 2,5 lkm umfassenden Bestände im Verlaufe der nächsten zehn bis zwölf Jahre in Hoppegarten behandelt werden können. Dafür wird das Bundesarchiv überschlagsweise 6 Millionen DM ausgeben.

Gemessen am Gesamtumfang seiner derzeitigen Bestände - über 250 lkm - wird das Bundesarchiv dann 1 % entsäuert, gepuffert und restabilisert und damit nach derzeitigem Stand unseres Wissens tatsächlich auf Dauer im Original gesichert haben!

Wenn man sich dieser Größenordnungen bewußt wird - 1% des Archivguts für 6 Millionen DM in 12 Jahren gesichert - muß man sich darüber klar werden, daß auch die sogenannte Massenentsäuerung nicht das Allheilmittel sein kann, das uns den Weg aus unserem Massenproblem herausführt, jedenfalls nicht beim gegenwärtigen Preisstand. Was die Terminologie angeht, so sollten wir uns fragen, ob der Begriff "Massenentsäuerung" eigentlich noch haltbar ist und nicht besser durch "Mengenentsäuerung" ersetzt werden müßte.

6 Millionen Mark für 2,5 km heißt aber auch, daß man über 600 Millionen DM bräuchte, um alle vom Papierzerfall bedrohten Papiere des Bundesarchivs zu behandeln. Eine völlig utopische Summe, die zu fordern keinem einfallen wird, die uns andererseits aber zum Nachdenken zwingen:

· ob unser Massenproblem nicht auch - auch! - verstärkt an der Wurzel zu packen wäre? Im Gegensatz zu den Bibliotheken in Deutschland haben die Archive es nur vereinzelt und auf Bundesebene noch gar nicht erreicht, in den öffentlichen Verwaltungen, unseren Zulieferern also, alterungsbeständiges Papier nach der DIN EN ISO 9706 als Standardpapier einzuführen. Stattdessen wird dort in falsch verstandenem Umweltbewußtsein die Verwendung des nicht alterungsbeständigen Recyclingpapiers forciert, das uns Archivaren die Entsäuerung zur Daueraufgabe über viele Generationen machen wird. Bibliothekare habe längst nicht nur den Silberstreif am Horizont, sie können einigermaßen verläßlich auch Zeiträume nennen, ab denen die deutsche Buchproduktion nicht mehr entsäuert werden muß, weil ab dann auf alterungsbeständiges Papier umgestiegen wurde - für die Archive gilt dies nicht.

· Zum zweiten, ob die Prioritätensetzungen , die in jedem Archiv und in jeder Bibliothek de facto schon aufgrund der beschränkten Ressourcen gesetzt werden müssen, nach außen nicht deutlicher erkennbar werden sollten. In der Praxis nämlich gehen wir nicht davon aus, daß alle Archivalien als gleichrangig zu behandeln sind. Die Prioritätensetzung ist nicht nur ein Zwang, dem wir intern unterworfen sind, sie wäre vielleicht auch ein Mittel, uns vor utopischen Forderungen und damit auch vor dem Verlust an Glaubwürdigkeit zu schützen. Ein Mittel dazu ist die Gestaltung von Programmen mit begrenzten zeitlichen Fristen, mit begrenzten Mitteln und mit begrenzten Quantitäten. Dabei sollten wir uns aber stärker als vielleicht bisher bewußt werden, daß wir mit unserer Entscheidung, einen bestimmten Bestand behandeln zu lassen oder eben nicht, de facto eine zweite Bewertung durchführen - gewiß eine zeitverzögerte, aber nicht weniger endgültig. Unter diesem Gesichtspunkt stellt sich die Frage der Auswahlkriterien vielleicht in anderem Licht dar. Eine solche Bewertung dürfen wir eben nicht nur aufgrund der Kriterien Zustand und Benutzungsintensität vornehmen. Dies heißt aber auch, daß die Entscheidung über die Behandlung vom Archivar und nicht vom Restaurator oder vom Naturwissenschaftler getroffen werden muß.

Lassen Sie mich zum Abschluß noch zum Bestandserhaltungskonzept des Bundesarchivs und damit zu einem Ausblick kommen, der nicht zuletzt von der Entsäuerung mit bestimmt wird.

In Dahlwitz-Hoppegarten hat das Bundesarchiv nach der sog. Wende Gebäude und Gelände einer früheren Stasi-Dienststelle übernommen und durch geringfügige Umbauten und schließlich durch den Neubau zweier großer Magazinhallen zum Zwischenarchiv für den Berliner Raum umfunktioniert. Dort wird das Bundesarchiv im kommenden Jahr voraussichtlich auch das zentrale Nitrofilmlager errichten nebst den zugehörigen Umkopierungseinrichtungen und anderen Filmbearbeitungswerkstätten. Es ist jedoch darüberhinaus beabsichtigt, in Hoppegarten ein Bestandserhaltungszentrum in einer Mixtur aus hauseigenen Werkstätten und aus privaten Dienstleistern zu errichten. Den Anfang wird die Fa.Neschen mit der Entsäuerungsanlage machen.

In deren Gefolge wird auch die erste Schrittschaltkamera folgen, um das entsäuerte Archivgut in einem angehängten Arbeitsgang zu verfilmen. Ihr sollen später, nach weiteren Baumaßnahmen, die hauseigene Restaurierungswerkstatt und die Verfilmungsstelle folgen und vor allem andere private Dienstleister, die besonders im Bereich der einfachen, manuellen Konservierung von Archivalien und Büchern, aber auch in dem der Verfilmung genügend Arbeit finden werden.

Ich hoffe sehr, daß es dem Bundesarchiv dadurch gelingt, die Vielfalt der bestandserhaltenden Methoden auch räumlich zu konzentrieren und durch den Verbund privater und eigener Kräfte zunehmend Synergieeffekte zu gewinnen.

Dr Rainer Hofmann: Geboren 1946 in Nürnberg. Nach Abitur und zweijährigen Militärdienst Studium in Erlangen, Promotion 1972. Archivreferendar in Hessen, seit 1974 Archivar am Bundesarchiv in Koblenz. Dort seit 1994 zuständig für die Bestandserhaltung.

Bestandserhaltung zum kleinen Preis - Massenentsäuerung von Archivgut
- Barbara Keimer

Im Jahr 1998 wurden der Sächsischen Archivverwaltung neue Personalstellen und Mittel für Bestandserhaltungsmaßnahmen zugewiesen. Erstmalig konnten daher Entsäuerungsmaßnahmen durchgeführt werden. Am Anfang stand ein archivübergreifendes Projekt zur vergleichenden Prüfung der Leistungsfähigkeit der durch private Dienstleister angebotenen Massenverfahren. Als Ergebnis wurde 1999 festgestellt, dass aufgrund einiger Nebenwirkungen wie dem Auslaufen von Farbstoffen der erwünschte 'massenhafte' Einsatz der Verfahren nur bedingt verantwortet werden kann. Darüber hinaus wurde deutlich, welche u. a. organisatorischen Schwierigkeiten bei der mengenmäßigen Behandlung von Archivgut sowohl auf Seiten der Dienstleister als auch auf Seiten der Archive zu bewältigen sind. Wie bei jeder anderen bestandserhaltenden Maßnahme ist auch bei der Entsäuerung eine differenzierte Auswahl des Archivgutes und eine Abwägung der Prioritäten im Hinblick auf den Erhaltungszustand von grundlegender Bedeutung. Vor- und nachbereitende Arbeiten, die nicht zuletzt auch eine Leistungsüberprüfung beinhalten müssen, sind aufwändig, jedoch unumgänglich, um einen erfolgreichen Einsatz der Mengenverfahren zu gewährleisten. Im Jahr 2000 wurden durch die sächsischen Archive in einem 2. Probelauf erneut Aufträge zur Entsäuerung von Archivgut vergeben. Die Erfahrungen der letzten zwei Jahre werden zusammenfassend dargestellt.

Barbara Keimer: Geboren 1967 in Euskirchen
1986 -1989 Buchbinderausbildung an der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel
1990 -1991 am selben Ort praktische Ausbildung zum Papier- und Buchrestaurator
1992 - 1996 Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, diverse Praktika im In- und Ausland, Abschluss als Diplomrestauratorin
Seit 1996 Referentin für Bestandserhaltung am Sächsischen Staatsarchiv Leipzig


Papersave swiss - die Schweizer Variante der Papierentsäuerung
-Agnes Blüher

Konservierung in der Schweizerischen Landesbibliothek

Die Schweizerische Landesbibliothek (SLB) ist die Schweizerische Nationalbibliothek. Ihr Bestand umfasst 3,5 Mio. Dokumente, die sogenannten Helvetica. Die SLB wurde 1895 gegründet. Dementsprechend liegt ein Grossteil der Bestände auf sauer gefertigtem, das heisst nicht alterungsbeständigem Papier vor. Die SLB verfügt seit 1997 über ein modernes Tiefmagazin mit optimalen Klimabedingungen (18°C, 45%RH, Luftfilter).

Die Konservierungsstrategie der SLB wurde 1999 in einem schriftlichen Dokument festgehalten und hat als einen Schwerpunkt die präventiven Massnahmen. Für die Erhaltung der Information wird die Mikroverfilmung und die Digitalisierung eingesetzt, für die Erhaltung der Originale die Restaurierung und die Papierentsäuerung (PE). Die PE, um die es im folgenden geht, wird nach dem papersave swiss-Verfahren, einem nicht-wässrigen Flüssigphasenverfahren durchgeführt. Die PE ist die einzige Methode, um die Originale zu erhalten, und verlängert die Lebensdauer der Dokumente um mindestens 150 Jahre.

Die SLB hat das Ziel, pro Jahr 40 Tonnen zu entsäuern, was ca. 60 Chargen entspricht und etwas mehr als 1 Million SFr kostet. 1 Million SFr ist eine hohe Zahl, die man aber im Vergleich zu den Kosten für alternative Massnahmen sehen muss. Nach einer bayerischen Studie (H. Leskien, 1999) ist die PE die relativ kostengünstigste Methode. Die Mikroverfilmung ist um den Faktor drei, die Digitalisierung mindestens um den Faktor zehn teurer.

In der SLB wurde stichprobenartig ein Kostenvergleich zwischen der Mikroverfilmung und der Papierentsäuerung angestellt. Die Berechnungen bestätigen insgesamt die Zahlen nach Leskien, dass nämlich die Mikroverfilmung rund um den Faktor drei teurer ist als die PE. Für die Kosten der PE ist das Gewicht entscheidend, für die Mikroverfilmung das Format, weshalb genaugenommen verschiedene Formate nicht untereinander verglichen werden können. Bei Zeitungs-Grossformaten aus dem letzten Jahrhundert beispielsweise erweisen sich PE und Mikroverfilmung als gleich teuer.

Auswahl der Bestände für die Papierentsäuerung

Am Beginn der PE steht die Auswahl der Bestände. Es gibt den Gesamtbestand, der durch die Anwendung verschiedener Auswahlkriterien mehr oder weniger zusammenschrumpft. Es werden auf verschiedenen Entscheidungsebenen innerhalb der Bibliothek sammlungsspezifische, betriebliche, und schliesslich konservatorische Kriterien angewendet. Übrig bleibt der Bestand, wo eine Entsäuerung sinnvoll und machbar ist.

Wenn die SLB wie geplant 40 Tonnen Dokumente pro Jahr entsäuert, dann würden in 30 Jahren alle betroffenen Bestände entsäuert sein. Angesichts dieser Zahlen wird es klar, dass eine Entsäuerungsstrategie entwickelt werden muss. Das erste Kriterium, das in der SLB angewendet wird, betrifft die Sammlung und wird auf Direktionsebene entschieden:
- Es wird der Kernbestand, die Helvetica entsäuert
- Es werden keine Deposita entsäuert
- Die Entsäuerung geschieht in Absprache mit anderen Bibliotheken, um die Doppelentsäuerung der genau gleichen Bestandesgruppe zu vermeiden

Dann gibt es betriebliche Kriterien, die auf der Ebene der betroffenen Dienstbereiche mitentschieden werden. Die betrieblichen Kriterien betreffen in der SLB vor allem die datentechnische Erfassung. Nur Dokumente, die einen eigenen Item-Record im Bibliothekskatalog haben, werden entsäuert. Aus diesem Grunde werden die Periodika zur Zeit zurückgestellt. Ausserdem läuft die Entsäuerung regalweise ab, das heisst signaturenweise.

Durch die Anwendung der konservatorischen Kriterien scheiden alle Bestände, die Multimedia enthalten, aus. Der Schwerpunkt liegt auf der Vorbeugung, also scheiden die Zeitungsbestände aus. Bestände mit hohem Lederanteil werden vorerst nur mit Vorbehalten entsäuert.

Die PE ist vom Prinzip her eine vorbeugende Massnahme. Da nicht alles auf einmal entsäuert werden kann, wird der Beginn in den Bereich gelegt, in dem die Patienten noch die grösste Überlebenschance haben, und wo man regalweise vorgehen kann, also im Zeitraum von 1930/40 - 1980. Zweite Priorität haben die Bestände vor etwa 1930, wo die Benutzbarkeit erhalten werden soll, und dritte Prioriät die Bestände nach etwa 1980, wo eine aufwändige Einzelselektion zwischen sauren und alkalischen Papieren stattfinden muss.

Die genannten Jahreszahlen stellen nur eine grobe Orientierung dar. In der Praxis muss man je nach Bestand weiter differenzieren. Beispielsweise dient uns der Zeitraum 1945 - 1950 als optimale untere Grenze für die präventive Entsäuerung von Beständen mit stark holzhaltigen Papieren. Auf dem Gebiet der optimalen Bestandesauswahl besteht noch erheblicher Forschungsbedarf. Es fehlen objektive Richtlinien für die Anwendung der konservatorischen Kriterien und zur Beantwortung der Frage: wo fängt Prävention an, wo hört sie auf?

Betrieblicher Ablauf der Papierentsäuerung

Wie sieht der Arbeitsablauf aus? Die Arbeitsschritte umfassen die Datenverarbeitung, die Vorbereitung des Bestandes, das Packen, die Qualitätskontrolle, das Remagazinieren und wieder die Datenverarbeitung. Das Packen und die Kontrolle beanspruchen den grössten Zeit- und Personalaufwand.

Datenverarbeitung

Die Datenverarbeitung über den Bibliothekskatalog ist ein integraler Bestandteil der PE. Die Item-Records für eine Jahrestranche werden aus der Datenbank extrahiert, und es wird eine Packliste hergestellt. Die Nacharbeiten im Bibliothekskatalog beinhalten die Anbringung eines Entsäuerungsvermerks für jedes behandelte Dokument. Für die Stichproben, die in der Qualitätskontrolle geprüft wurden, werden ausserdem die Qualitätsprüfdaten im Bibliothekskatalog abgelegt, um die Entsäuerung für spätere Zeiten und für die Langzeitbeobachtung zu dokumentieren.

Bestandesvorbereitung

Ein weiterer Arbeitsschritt ist die Vorbereitung des Bestandes. Das bedeutet, dass der Bestand in Augenschein genommen wird, zum Beispiel verpackte Dokumente, und gegebenfalls Materialien ausgesondert werden. Wie hoch der Zeitaufwand für die Aussonderung ist, hängt ganz vom Bestand ab. Hierfür sind Materialkenntnisse erforderlich, und daher wird diese Arbeit von Mitarbeitern der Konservierungsabteilung durchgeführt.

Packen und Inventur

Der separate nächste Schritt ist das Packen der Behandlungskörbe anhand einer Packliste. Es wird von zwei Mitarbeitern des Magazins durchgeführt und beansprucht viel Zeit, da eine umfassende Inventur des Magazins damit verbunden ist. Auf der Packliste werden alle Abweichungen zwischen dem Magazinbestand und dem Bibliothekskatalog über Codes festgehalten. Anhand der Packliste werden die Dokumente ausgebucht und sind wie bei einer normalen Ausleihe für etwa sechs Wochen nicht verfügbar.

Qualitätskontrolle

Die Qualitätskontrolle ist ein essentieller Bestandteil der Entsäuerungsbehandlung. Das Qualitätssicherungskonzept beruht auf den Qualitätsstandards vom 7. Oktober 1998. Dieses Dokument ist Teil des Betreibervertrages mit der Nitrochemie Wimmis AG und regelt den Ablauf hinsichtlich der Sicherheit, der Infrastruktur und der Logistik. 15 Qualitätskriterien sind formuliert, die von 95% der Dokumente erfüllt sein müssen. Die Kontrolle erfolgt stichprobenartig an Originalmaterial jeweils vor und nach der Behandlung. Ausserdem werden in jeder Charge drei speziell angefertigte Testbücher mitbehandelt und analysiert. Der physikalisch-chemische Teil der Qualitätsprüfungen wird in den Laboratorien der Nitrochemie Wimmis AG durchgeführt. Diese Laboratorien sind nach SN/EN 45001 akkreditiert und zertifiziert. Die optisch-haptischen Prüfungen werden in der SLB durchgeführt. Die folgenden physikalisch-chemischen Grössen werden routinemässig in jeder Charge bestimmt:

1. Stärke der Behandlung

Es ist eine Obergrenze von 2,3% und eine Untergrenze von 0,5% Magnesiumcarbonat einzuhalten. Von der Nitrochemie Wimmis AG wurde eine Methodik der Röntgenfluoreszenzanalyse zur zerstörungsfreien Bestimmung der Behandlungsstärke entwickelt. Hierbei wird die Titanaufnahme der Papiere gemessen und daraus die Magnesiumaufnahme berechnet. Damit liegt erstmals die Möglichkeit vor, die Behandlungsstärke zerstörungsfrei und routinemässig an Originalmaterial zu messen.

2. Gleichmässigkeit der Behandlung

Die Gleichmässigkeit der Behandlung über die Papierseiten wird erhalten, indem die Behandlungsstärke an sieben Punkten eines Papierblattes bestimmt wird. Die mittlere Standardabweichung darf 0,5 % Magnesiumcarbonat nicht übersteigen.

3. Oberflächen-pH-Wert

Der Oberflächen-pH wird mittels Oberflächenelektrode bestimmt und darf nicht unter 7 liegen.

4. Farbveränderung mittels Spektrometer

Die Farbveränderung wird mittels Spektrometer gemessen und daraus die Farbkoordination im Lab-System berechnet.

Von März bis Juli 2000 dauerte die Einfahrphase, wo die Qualitätskontrolle in einem Intensivprogramm gefahren wurde. Für die Routinephase wurde auf der statistischen Basis der Ergebnisse aus der Einfahrphase der analytische Aufwand gezielt auf ein sinnvolles Mass reduziert. Im Routinebetrieb werden beispielsweise 10-20 SLB-Originaldokumente pro Charge optisch-haptisch in der SLB dokumentiert, davon 5 der chemisch-physikalischen Prüfung in der NCW unterzogen. Obwohl damit nur rund 1% der Dokumente in einer Charge geprüft werden, kommt eine grosse Anzahl an Daten zusammen. Bis Oktorber 2000 wurden insgesamt über 7´000 analytische Resultate produziert (Resultate=Mittelwerte, nicht einzelne Messwerte).

In Abb. 1 ist die Behandlungsstärke, berechnet in % Magnesiumcarbonat- Aufnahme, für die ersten 24 SLB- Chargen (Programm „Library") und die ersten 14 Chargen des Bundesarchivs (BAR, Programm „Archives") aufgetragen. Die hier gezeigten Messungen erfolgten an den Testbüchern, die in jeder Charge mitbehandelt werden. Der Durchschnittswert liegt für SLB- Material bei rund 1,4%, bei BAR-Material bei rund 0,9% aufgrund der um 33% tieferen Behandlungskonzentration. Der Verlauf ist für einen technischen Prozess in der gegebenen Komplexität sehr gleichmässig und weist die hohe Reproduzierbarkeit und gute Steuerbarkeit des Prozesses aus.

 

Abb. 2 zeigt die Behandlungsstärke, gemessen an 10 Testbüchern an verschiedenen Positionen in der Behandlungskammer. Es zeigt sich, dass die Behandlungsstärke über die gesamte Behandlungskammer gleichmässig ist.

 

In Abb. 3 zeigt die Oberflächen-pH-Reaktion, gemessen an Original-Büchern vor und nach der Entsäuerung. Alle Bücher wurden vollständig entsäuert, und unabhängig vom Ausgangs-pH wurde ein End-pH zwischen 7 und 9 erreicht.

 

Die Qualitätskontrolle an der SLB wird an 10-20 Büchern stichprobenartig durchgeführt. Für jedes Buch wird ein Zustandsprotokoll angefertigt, und vor und nach der Behandlung der Einband, das Papier und der Druck auf Ablagerungen, Farbveränderungen, Funktionsfähigkeit der Bindung und Geruch kontrolliert. Eine weitere Kontrolle findet nach der Behandlung statt, indem die Dokumente einer Sichtkontrolle unterzogen werden. Je nach Behandlungsrisiko und Empfindlichkeit der Dokumente werden 10 - 500 Dokumente pro Charge von 1'500 Dokumenten geprüft, wobei nur bei Beobachtung von Veränderungen oder Schäden ein Protokoll angefertigt wird.

Resumee und Ausblick


- Die SLB hat von April bis Dezember 2000 59'797 Dokumente aus dem Zeitraum von 1900 - 1985 entsäuern lassen und ist mit den Ergebnissen sehr zufrieden. Beobachtete leichte Veränderungen liegen in der Regel unter 0,2% (Ausnahme: s.u.)
- Für die Langzeitbeobachtung werden ausgewählte Daten wie Behandlungsstärke, pH-Wert und Farbwerte für fünf Prüfexemplare pro Charge in den Bibliothekskatalog eingetragen.
- Der Schwerpunkt der Papierentsäuerung wird auf die Prävention gelegt. Im Vergleich zu anderen Bibliotheken werden auch relativ junge Bestände entsäuert.
- Bestandesvorbereitung und Qualitätskontrolle sind unverzichtbare Bestandteile des Prozesses.
- Die hohe Behandlungsqualität der Papierentsäuerung nach dem papersave swiss-Prozess wird dadurch gesichert, dass die Grenzen des Prozesses beachtet werden.

Aus konservatorischen Gründen wurden 0,2% der Dokumente zurückgestellt; für empfindliche Bestandesgruppen wurde das Behandlungsprogramm „Archiv" gewählt. Von der Behandlung zurückgestellt wurden beispielsweise spezielle Ordner, Ganzlederbände, einige Halblederbände und Ganzpergamentbände. Spezielle rote Einbandmaterialien aus der Nachkriegszeit neigen zum Ausbluten. Hier wurden in einigen Chargen leichte bis mittelstarke Ausbluterscheinungen an 1,2 .... 4,7 % der Dokumente beobachtet. Mit genügender Erfahrung ist es jedoch in Zukunft möglich, die Dokumente im voraus zu schützen bzw. auszusondern.

Bei den folgenden Punkten besteht noch Spielraum und/oder Bedarf der Optimierung und weiterer Abklärungen:
- Die Optimierung der Behandlungsbedingungen, zum Beispiel der Behandlungskonzentration
- Die Erarbeitung objektiver Kriterien, um die Papierentsäuerung als im Grundsatz präventive Massnahme richtig einzusetzen, das heisst: wo beginnt die Prävention, wo hört sie auf?
- Leder in der Entsäuerung: Es ist nicht genügend bekannt, wie die langfristigen Auswirkungen der Entsäuerung auf Leder sind.

In Zukunft werden Schwerpunkte unserer Arbeit vermehrt sein:
- Der Erfahrungsaustausch mit anderen Bibliotheken in der Schweiz und im Ausland
- Die Koordination mit anderen Bibliotheken, die die Papierentsäuerung durchführen, um Doppelentsäuerung zu vermeiden
- Die Durchführung von Forschungsprojekten mit Partnern in der Schweiz und im Ausland.

Dr Agnes Blüher: Studium der Chemie an der Universität Stuttgart, 1993 Promotion auf dem Fachgebiet Textilchemie. Von 1993 bis 1999 wissenschaftliche Mitarbeiterin von Prof. Dr G. Banik am Studiengang Restaurierung und Konservierung von Graphik, Archiv-und Bibliotheksgut an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Seit 1999 Leiterin der Papierentsäuerung an der Schweizerischen Landesbibliothek in Bern.


Die Entsäuerung von Büchern aus der Sammlung der Koninklijke Bibliotheek: Auswahl und Qualitätskontrolle
- Henk J. Porck

Seit 1998 ist die Massenentsäuerung von Büchern ein integrierter Bestandteil der Konservierungspolitik der Koninklijke Bibliotheek (KB) in den Niederlanden. Das KB Konservierungslabor hat die Wirksamkeit und die Nebeneffekte verschiedenener Massenentsäuerungsverfahren vor der endgültigen Entscheidung für das Bookkeeper System geprüft. Die Auswahl der zu behandelnden Bücher basiert auf verschiedenen Kriterien. An erster Stelle steht, ob das Buch zu der Gruppe der Publikationen gehört, die in den Niederlanden in der Zeit von 1840 - 1959 gedruckt wurden. Von dieser niederländischen Buchproduktion, die systematisch verfilmt wird, werden die Bücher zur Entsäuerung auf der Basis ihrer Papierqualität ausgesucht. Nur Bücher mit säure- und ligninhaltigen Papieren werden ausgewählt und gebindeweise zur Entsäuerungsanlage zur Behandlung geschickt. Nach Rückkehr in die KB werden die behandelten Bücher verschiedenen Qualitätskontrolltests unterzogen. Das schließt pH Messung und Sichtkontrolle ein. An Testbüchern, die jeder Sendung beigegeben werden werden weitergehende und spezielle Untersuchungen vorgenommen, wie z. B. beschleunigte Alterungsversuche und Untersuchungen über die Effekte spezieller Materialien, wie Buchillustrationen. Die Resultate, die bisher erzielt wurden, sind zufriedenstellend. Trotzdem sollte ein Problem angesprochen werden. Da der Behandlungsprozeß einen beträchtlichen physischen Stress auf die Seiten und das Buch als Ganzes ausübt, können Bücher mit Beschädigungen oder stark vorgeschädigte Papiere nicht ohne das Risiko von ernsten Schäden behandelt werden. Obwohl die Massenentsäuerung in einigen Ländern bereits eine etablierte konservatorische Behandlung ist und die Forschung sich Schritt für Schritt anderen interessanten Gebieten zuwendet, wird doch diskutiert, daß es immer noch viele kritische Fragen in Bezug auf die Langzeitwirkung der Entsäuerung gibt, die beantwortet werden müssen.

Henk J. Porck (1953) studierte Biochemie an der Freien Universität Amsterdam. Seine Doktorarbeit schrieb er über eine biochemisch-genetische Studie im Bereich der Anthropogenetik. 1983 wurde er zu wissenschaftlichen Konservator des 'Conservation Laboratory' der Koninklijke Bibliotheek, der Nationalbibliothek der Niederlande in Den Haag ernannt. 1991 wurde er zum Kurator der Papierhistorischen Sammlung der Koninklijke Bibliotheek ernannt.


Massenentsäuerung in der Praxis
- Ted Steemers

1990 begann das Staatsarchiv der Niederlande ein Untersuchungsprogramm über Massenentsäuerung. Nach einer sehr gründlichen Schadensuntersuchung über die Säure in Papieren des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts war klar, daß etwas zur Bewältigung dieses Problems unternommen werden mußte. Ca. 28 Kilometer Archivmaterial wurden als gefährdet erkannt. Die Reise zu den verschiedenen Entsäuerungssystemen begann in Houston, Texas. Das von der Library of Congress entwickelte DEZ Verfahren war lizensiert und wurde durch die Firma AKZO Chemie durchgeführt. 1992 begann das eigentliche Entsäuerungsprogramm und wurde bis 1994 fortgesetzt. Das war dann der Zeitpunkt, an dem AKZO mit den Aktivitäten in der Massenentsäuerung aufhörte. Weitere Untersuchungen waren nötig. Neue Untersuchungen über Massenentsäuerungsverfahren begannen in enger Zusammenarbeit mit dem TNO Institut und der Königlichen Bibliothek.

1997 wurde die endgültige Entscheidung gefällt, mit dem Bookkeeper Verfahren von Preservation Technolgies L.P. in Cranberry Pittsburgh zu arbeiten. Ein Vorteil für das Nationalarchiv war die Tatsache, daß sich eine niederländische Firma entschied, eine Bookkeeper Anlage in Lizenz aufzustellen. Seit Anfang 1998 arbeitet eine Bookkeeper Fabrik in den Niederlanden. Während der letzten zwei Jahre haben wir mit Archimascon gearbeitet und gemeinsam ein sicheres und gutes Arbeitsprotokoll für die Entsäuerung von Archivmaterial entwickelt. In diesem Jahr, dem Jahr 2000, hat das Staatsarchiv die Aktivitäten im Bereich Massenentsäuerung verlangsamt. Der Grund liegt darin, daß alle Staatsarchive einen Plan über die Behandlung ihrer Sammlungen erstellen müssen. In diesem Plan müssen sie Prioritäten für Konservierung, Restaurierung, Mikroverfilmung und Entsäuerung von Archivmaterial setzen. Ende dieses Jahres wird klar sein, welche Art von Massenentsäuerungsprogramm das Staatsarchiv für die nächsten 4 Jahre einsetzen wird.

Ted Steemers begann seine Tätigkeit im Staatsarchiv als Papier- und Buchkonservator im Jahre 1976. Nachdem er eine Ausbildung über Buch- und Papierkonservierung an der 'State Training School for Conservators' in Amsterdam beendet hatte wurde er 1989 zum Preservation Policy Officer ernannt. Während der letzten 10 Jahre war er verantwortlich für die präventive Konservierung innerhalb der Arbeit des Deltaplans.


Erfahrungen der Bayerischen Staats-bibliothek mit der Massenentsäuerung (Battelle- und Libertec-Verfahren)
- Dr Helga Unger

Die Bayerische Staatsbibliothek (BSB) verfügt als Landesbibliothek des Freistaats Bayern und als eine der großen Forschungsbibliotheken der Welt sowohl über herausragende Bestände an Handschriften und alten Drucken als auch an Druckschriften seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Gesamtbestand an Druckschriften umfasst derzeit rund 7,5 Millionen Bände, davon stammen rund 5,4 Millionen Bände, das sind 72 %, aus der Zeit des industriell hergestellten Papiers.

Schadensdimensionen

Auf der Basis mehrerer Stichproben wurde an der BSB der Papierzustand von rund 28.000 Bänden des Zeitraums ab 1840 untersucht. Danach befindet sich rund ein Drittel des nach 1840 erschienenen Bestandes in gutem Zustand. Ein Drittel ist zwar vergilbt, aber noch nicht brüchig und ein weiteres Drittel ist bereits brüchig. Insgesamt sind rund 3,4 Millionen Bände, das sind 45 % des Gesamtbestandes, säuregeschädigt; die Hälfte davon, 1,7 Millionen Bände, sind mehr oder minder stark vergilbt, aber noch nicht brüchig. Sie können daher noch im Original, in der Regel durch Massenentsäuerung, erhalten werden. Weitere 1,7 Millionen Bände sind bereits brüchig. Bei diesen Bänden kann das Original in der Regel nicht mehr erhalten werden. Um den Informationsgehalt zu retten, wird die Konversion in eine Sekundärform (Mikrofilm, Mikrofiche, alterungsbeständige Papierkopie, digitales Medium) vorgenommen. Der BSB stehen jährlich Finanzmittel in Höhe einer knappen Million DM zur Verfügung. Die genannten Größenordnungen der Papierschäden zeigen, dass die Erhaltung der vom Papierzerfall bedrohten Druckschriften ab 1840 auch an der BSB ein Massenproblem ist.(Anlage 1)

Anlage 1

Innerhalb der Gesamtstrategie der Erhaltungsmaßnahmen der BSB hat die Originalerhaltung mittels Entsäuerung einen besonderen Stellenwert.

Ziele und Aufgaben der Bestandserhaltung

Alle Strategien und Praktiken der Bestandserhaltung haben zum Ziel, das kulturelle Erbe in Form von Überlieferungsträgern aller Art, soweit es von dauerhaftem Wert ist, für künftige Generationen zu erhalten. Diesem grundsätzlichen Ziel dienen verschiedene Aufgabenbereiche:
1. die Erhaltung der Druckwerke durch Schadensvermeidung, Prävention.
2. Sind Schäden bereits eingetreten, so ist das Ziel die Konservierung des Originals mittels geeigneter Maßnahmen.
3. Soweit das Original wegen des fortgeschrittenen Schadens nicht mehr oder nur mit unvertretbarem Aufwand erhalten werden kann, ist die Sicherung des Informationsgehalts mittels Konversion das Mittel der Wahl: Der Informationsgehalt des Werkes wird auf ein Sekundärmedium (Mikrofilm, Mikrofiche, alterungsbeständige Papierkopie, digitales Medium) übertragen.

Im bayerischen Landeskonzept Erhaltung, Archivierung und Aussonderung von Druckschriften in Bayern, hrsg. von Hermann Leskien (Berlin 1998 - DBI-Materialien 174), wird als ein vorrangiges Ziel die Konservierung des Originals genannt. „Bestandserhaltung bedeutet grundsätzlich, dass das Original möglichst in seiner vorliegenden körperlichen Form erhalten bleiben soll. Dies ist bei Handschriften und wertvollen älteren Drucken selbstverständlich, gilt aber auch für neuere Bücher in ihrer jeweiligen Erscheinungsform. ... Doch kann es auch angezeigt sein, den Inhalt auf andere Weise zu sichern, ... indem Ersatzmedien erstellt werden." (a. a. O., S. 12)

Voraussetzungen für den Einsatz und die Organisation bestandserhaltender Maßnahmen sind:
1. die Entwicklung eines Erhaltungsprofils für die jeweilige Bibliothek auf der Basis des Erwerbungsprofils
2. die Durchführung einer Schadenserhebung
3. die Selektion der Werke nach diesen Kriterien
4. die Durchführung der geeigneten Erhaltungsmaßnahmen.

Nach den ministeriellen Richtlinien für die Aussonderung, Archivierung sowie Bestandserhaltung von Bibliotheksgut in den Bayerischen Staatlichen Bibliotheken (auch veröffentlicht in: Bibliotheksforum Bayern 26, 1998, S. 194-199) kommt der BSB als Archivbibliothek eine herausragende Aufgabe für die Erhaltung ihres Bestandes zu. Sie sollte möglichst ihren Gesamtbestand, sofern er von dauerhaftem Wert ist, erhalten. Dies stößt in der Praxis allerdings auf große Probleme. Angesichts der gewaltigen Schadensdimensionen einerseits und der begrenzten personellen und finanziellen Mittel andererseits gilt es, Methoden zur Priorisierung der Werke zu finden, die für eine Schadensbehandlung ausgewählt werden. Um die begrenzten Mittel möglichst effektiv einzusetzen, gehen wir nach einer Kombination von inhaltlicher Wichtigkeit und äußerer Gefährdung vor. Unser Ziel ist es, vorrangig diejenigen Druckwerke zu sichern, deren Bedeutung für das Erhaltungsprofil der BSB besonders hoch und deren Papierqualität zugleich besonders niedrig ist. Anders ausgedrückt: Die inhaltliche Wichtigkeit gemäß dem Sammelauftrag der BSB, der Grad der Schädigung und die Benützungshäufigkeit eines Werkes sind die Parameter für die Erhaltungspriorität.

Die Erhaltung des Originals in seiner physischen Form ist der Konversion auf ein anderes Medium vorzuziehen, soweit dies vom Schadensgrad her zweckmäßig ist. Auch aus Kostengründen empfiehlt sich die Erhaltung des Originals. Bei folgenden Werken wird in der BSB auf jeden Fall die Originalerhaltung gewährleistet:
- bei allen Werken, die bis 1840 erschienen sind
- bei allen Werken nach 1840, die einen intrinsischen Wert haben, d.h. einen Mehrwert gegenüber dem Informationsgehalt
- möglichst bei allen Werken von dauerhaftem Wert, deren Papier noch nicht brüchig ist.

Selektion

Da wir als Landesbibliothek die Verpflichtung haben, alle in Bayern erschienenen und auf Bayern bezogenen Werke zu sammeln, haben wir Schadenserhebungen und, darauf basierend, Erhaltungsmaßnahmen bisher vor allem für folgende Bereiche ergriffen:

1. das Fach Bavarica (Literatur über Bayern)
2. Die Literatur der Sondersammelgebiete gemäß dem Sondersammel-gebietsplan der Deutschen Forschungsgemeinschaft (z.B. Musikwissenschaft, Geschichte Osteuropas, insbesondere Russlands; geschichtswissenschaftliche Literatur allgemein) Neben der inhaltlichen Wichtigkeit für das Erhaltungsprofil der BSB ist vor allem der Schadensgrad maßgebend für die Entscheidung, ob eine Erhaltungsmaßnahme durchgeführt wird, und wenn ja, welche Maßnahme.

Die Beurteilung der Schadensgrade des Papiers erfolgt vor allem nach optischen und haptischen Befunden des Papiers. In Zweifelsfällen wird auch eine Ober-flächenmessung des pH-Werts mittels Teststreifen durchgeführt. Bücher mit dickerem Papier haben jedoch bei gleichem Säuregehalt meist eine längere Lebensdauer als Bücher mit dünnerem Papier. Wir haben unsere Schadensskala im Hinblick auf die zu ergreifenden Maßnahmen ausgerichtet (Anlage 2):

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Anlage 2

Schadensgrad 0 = gutes, meist relativ dickes Papier, tadellos; höchstens minimale Vergilbung; keine Maßnahme
Schadensgrad 1 = guter Papierzustand, leichte Bräunung, vor allem an den Rändern, Entsäuerung ist ratsam.
Schadensgrad 2 = starke Bräunung, in der Festigkeit deutlich geschwächtes Papier, Entsäuerung dringend notwendig.
Schadensgrad 3 = brüchiges Papier, Braunfärbung über das ganze Blatt, bricht bei Eckfalztest; nur mehr eine Sekundärform ist zweckmäßig.

SG 1 und SG 2 führen zwar zu derselben Maßnahme, nämlich zur Entsäuerung. Doch wurde diese Differenzierung eingeführt, um eine Abstufung je nach Dringlichkeit einzuführen. Es stellt sich die grundsätzliche Frage: Soll man schon bei SG 0, wenn das Papier zwar säurehaltig ist, aber noch keine sichtbaren Schadensspuren aufweist, vorbeugend entsäuern? Oder erst bei SG 1 und SG 2 (leichtere und stärkere Bräunung)? Bei Entsäuerung in einem frühen Stadium könnte man eine längere Restlebensdauer erzielen. Angesichts der großen Mengen von geschädigten Büchern haben wir uns entschieden, (noch) nicht vorbeugend zu entsäuern, sondern erst bei SG 1 und SG 2.

Andererseits stellt sich die Frage bei SG 2, wenn das Papier schon ziemlich stark geschädigt ist, ob sich die Entsäuerung lohnt oder ob man nicht besser, statt zu entsäuern, gleich einen Mikrofilm herstellen sollte wie bei brüchigem Papier, um den Inhalt dauerhaft zu sichern. Da wir aus wirtschaftlichen Gründen in der Regel nur eine Maßnahme pro Band durchführen, lassen wir derzeit Werke von SG 1 und SG 2 entsäuern. Dies ist nicht nur die wesentlich kostengünstigere Maßnahme, sondern dient auch der Erhaltung des Originals als ganzem.

Nur bei Werken von intrinsischem Wert, d. h. wenn das Werk einen kulturellen oder künstlerischen Wert über den Informationsgehalt hinaus hat, werden zwei Erhaltungsmaßnahmen durchgeführt: die Originalerhaltung (gegebenenfalls die Restaurierung, wenn die Entsäuerung keinen nachhaltigen Effekt hat) und die Verfilmung.

Um eine sinnvolle Selektion zu betreiben, muss eine Schadenserhebung durchgeführt werden. Wir haben erst kürzlich mit einer Gesamtschadens-erhebung begonnen; bisher wurden Teilerhebungen vorgenommen bei Fächern, die für das Erhaltungsprofil der BSB besonders wichtig sind, z.B. Bavarica , Russica, historische Zeitschriften.

Die Anteile der geschädigten Bücher aus dem Zeitraum 1840 bis 1970 haben bei unseren verschiedenen Schadenserhebungen ähnliche Werte ergeben. Die Hochrechnung auf den Gesamtbestand zeigt, dass von den Beständen ab 1840 rund ein Drittel einen guten Papierzustand hat (SG 0), ein Drittel ist mehr oder minder vergilbt, aber noch nicht brüchig (SG 1 und SG 2), ein weiteres Drittel ist bereits brüchig (SG 3).

Vorbereitung und Organisation von Erhaltungsmaßnahmen:

Entsäuerung Die Auswahl von geschädigten Werken für Erhaltungsmaßnahmen erfolgt an der BSB auf zweierlei Wegen, um allen drei Kriterien: inhaltliche Wichtigkeit, Schadensgrad und Benützungshäufigkeit gerecht zu werden (Anlage 3 Download GIF-file Beatndserhaltungsprofil und Organisation der Bestandserhaltungsmaßnamen (39K)).

1. Die systematische Selektion.

Dies ist die sequentielle Durchsicht vorausgewählter Bestandsgruppen wie Bavarica, Sondersammelgebiete wie Russica, besonders gefährdete Bestände gemäß der (begonnenen) Gesamt-schadenserhebung.

2. Die punktuelle Durchsicht.

Hierbei werden geschädigte Bücher durch Mitarbeiter aller Abteilungen der Bestandserhaltung gemeldet, oder es werden Bücher, die von Benützern der Ortsleihe, des Lesesaals oder der Fernleihe zurückgegeben wurden, nach Schadensgraden durchgesehen. Im beiden Fällen muss jeder Band in die Hand genommen und auf die Frage nach seinem Erhaltungszustand geprüft werden. Ist der SG 0, d.h. das Papier ist vollkommen in Ordnung, so wird das Buch auf Schäden am Einband geprüft und entsprechend weiter behandelt. Liegt ein Schadensgrad von 1 bis 3 vor, so muss die Frage nach dem intrinsischen Wert gestellt werden. Werke von intrinsischem Wert müssen in jedem Fall auch im Original erhalten werden. Wenn ein solches Werk brüchig ist, ist eine geeignete Methode der Restaurierung angezeigt: z. B. Papierspaltung oder Übervliesen.

Die allermeisten Werke zwischen 1840 und 1970 haben jedoch keinen intrinsischen Wert. In der Regel werden diese Werke, soweit sie leichter oder stärker vergilbt sind, für die Massenentsäuerung vorbereitet. Bände mit brüchigem Papier werden für die Herstellung einer Mikroform ausgewählt. Von Referenzbeständen im Lesesaal wird stattdessen oft eine alterungsbeständige Papierkopie erstellt.

Ist die Entscheidung für die Entsäuerung gefallen, so muss festgelegt werden, ob das Flüssigverfahren nach Battelle oder das Trockenverfahren nach Libertec gewählt wird. Kriterien hierfür sind vor allem die Nebenwirkungen der beiden Verfahren, aber auch die Preisgestaltung der Firmen (Anlage 4).

Anlage 4

Optionen für die beiden Entsäuerungsverfahren

In das Flüssigverfahren nach Battelle werden folgende Werke gegeben:
- Druckwerke mit einem Gewicht von weniger als 400 Gramm
- Druckwerke, deren Bearbeitung im Trockenverfahren aufwändig wäre (z. B. Bücher mit zahlreichen Falttafeln oder Karten, Konvolute mit Kleinstschrifttum)

In das Trockenverfahren nach Libertec werden gegeben:
- Druckwerke mit einem Gewicht von mehr als 400 Gramm
- Druckwerke mit Leder- Pergament- oder Kunststoffeinbänden (wegen der Gefahr der Versprödung bzw. der Verformung),
- Druckwerke mit farbiger Druckgraphik oder mit handkolorierten Zeichnungen (wegen der Gefahr des Auslaufens von Farben).

Da die Abrechungsweisen der Firmen unterschiedlich sind (genormte Körbe bei Battelle, Kilogramm beim Zentrum für Bucherhaltung, Einzelwerk bis 2 kg: fester Preis bei Libertec), spielt bei der Auswahl der Werke für das eine oder andere Verfahren auch die Preisgestaltung der Firmen eine sekundäre Rolle.

Vorbereitung der Entsäuerung bei der systematischen Durchsicht am Fach

Bei der systematischen Durchsicht werden alle Bände eines bestimmten Fachgebiets (einer Signaturengruppe) auf Schäden hin durchgesehen. Die für die Erhaltung relevanten Daten werden auf einer Kopie des Standortkatalogs (Repertorium) festgehalten (siehe Anlage 5):

Anlage 5


- der Schadensgrad des Papiers,
- der Zustand des Einbands einschließlich eventueller anderer Schäden wie lose Blätter etc., (Einbandreparaturen werden meist nach der Entsäuerung vorgenommen),
- die Abkürzungen für die vorgesehenen Entsäuerungverfahren: B für das Flüssigverfahren, L für das Trockenverfahren; MF steht als Abkürzung für die Mikroverfilmung ( nur bei brüchigem Papier). Bei mehrbändigen Werken werden zuerst die Bandangaben, dann die Schadensgrade, die je nach Band verschieden sein können, sowie die vorgesehenen Maßnahmen notiert. Die Entsäuerung wird bereits vor der Durchführung der Maßnahme durch einen blauen Punkt am Signaturschild und auf der Innenseite des Buchdeckels gekennzeichnet, jedoch weder in einer Datenbank noch im Katalog vermerkt.

Bei der punktuellen Durchsicht aus der Benützung, wo keine schriftlichen Unterlagen als Dokument für eine Entsäuerungsmaßnahme vorliegen, dienen die blauen Punkte dazu, kenntlich zu machen, welche Bände in den nicht systematisch durchgesehenen Fächern schon entsäuert wurden.

Für den Transport dienen Spezialwagen der Firma Libertec, nach Buchformaten genormte Drahtkörbe der Firma Battelle und Kisten für das Zentrum für Bucherhaltung. Gleichzeitig wird ein Transportbegleitschein erstellt mit der Angabe der Zahl der Bände und eventuell der Körbe, dem vereinbarten Preis, dem Versicherungswert der jeweiligen Charge. Der Einzelauftrag basiert auf einem Rahmenvertrag mit der jeweiligen Firma, der die grundlegenden Konditionen, insbesondere Fragen der Gewährleistung und der Haftung im Falle von Verlusten oder Schäden bei Behandlung und Transport, regelt.

Nach dem Rücktransport erfolgt eine Prüfung der Charge auf Vollständigkeit und Unversehrtheit der Bände. Wichtig ist auch die Untersuchung der einzelnen Bände auf Nebenwirkungen. Ebenso machen wir bei Testbüchern Messungen des pH-Werts, um festzustellen, ob die Neutralisierung und die Einbringung einer ausreichenden alkalischen Reserve gelungen ist.

Wirkungen des Flüssigverfahrens nach Battelle

Messungen des pH-Werts nach der Entsäuerung an der Oberfläche haben ergeben, dass besonders bei stark saurem Papier der pH-Wert nicht immer genügend angehoben wurde. Allerdings ist der pH-Wert nur ein Indikator für die Lebensdauer des Papiers ist. Dickeres Papier hat auch bei relativ niedrigem pH-Wert meist eine gute Widerstandskraft gegen den Verfall.

Wirkungen des Trockenverfahrens nach Libertec

Messungen des pH-Werts an der Oberfläche haben ebenfalls ergeben, dass besonders bei sehr saurem Ausgangspapier der pH-Wert nicht immer genügend angehoben wurde. Doch hat die Untersuchung an einem entsäuerten Objekt nach Veraschung durch das Institut für Buch- und Handschriftenrestaurierung der Bayerischen Staatsbibliothek (Dr. Bansa) ergeben, dass ein Gehalt von 0,8 % Magnesiumoxid und 2 % Calciumcarbonat in dem Papier erreicht worden ist. Bereits 1 % alkalische Reserve müssten ausreichend sein. Doch bleibt die Frage, ob sich beim Trockenverfahren der Wirkstoff im gesamten Papierkörper gleichmäßig verteilt. Da die Verwandlung des Magnesiumoxids in Magnesiumhydroxid und schließlich Magnesiumcarbonat und das Eindringen des Wirkstoffs ins Blattinnere ein langwieriger Prozess ist, haben wir hierüber noch nicht genügend Aufschluss bekommen. Doch ist aufgrund der chemisch-physikalischen Gesetze davon auszugehen, dass durch die Feuchtigkeit im Papier und die Luftfeuchtigkeit allmählich die Durchdringung mit dem erdalkalischen Wirkstoff zustandekommt.

Nebenwirkungen des Flüssigverfahrens nach Battelle Beim Flüssigverfahren haben wir folgende unerwünschten Nebenwirkungen festgestellt:

- Versprödung vor allem von Leder und Pergament im Einband. Leder kann vor allem an den dünneren Stellen brüchig werden. Pergament eignet sich wegen der Erhitzung bei den Trocknungsprozessen generell nicht für das Flüssigverfahren, da es sich in unterschiedlichem Maße ausdehnt. Dadurch entstehen Verwerfungen der Einbanddecken. Ein besonderes Problem stellen Kunststoffeinbände dar, da sie sich bei Erhitzung ausdehnen und Blasen werfen, bei Erkaltung aber nicht zurückschrumpfen. Bei einer Charge von 2000 in die Flüssigentsäuerung gegebenen Bänden hatten rund 1000 Bände einen Einband aus Graupappe, der mit Kunststofffolie überzogen war. Dabei traten bei ca. 500 Fällen folgende ästhetische Beeinträchtigungen auf:
- gelbliche, bräunliche und graue Flecken auf dem Vorsatzblatt,
- teilweise losgelöste Vorsatzblätter,
- verzogene Buchdecken,
- welliger Buchblock.
Die Ursache liegt in dem Alkohol, der bei der Reaktion des Doppelalkoxids mit den im Papier enthaltenen Säuren entsteht. Darauf wird morgen Herr Dr. Bansa , Leiter des Instituts für Buch- und Handschriftenrestaurierung der Bayerischen Staatsbibliothek, in seinem Referat näher eingehen. Durch Einlegen von Karton beim Vorsatzblatt vor der Entsäuerung kann die negative Wirkung abge-schwächt werden.

Auch die Lösung von Klebungen des Einbands bzw. des Vorsatzblatts gehört zu den Beschädigungen. Die Wellung des Buchblocks konnte durch Nachpressen weitgehend beseitigt werden. Folieneinbände sollten daher möglichst nicht in die Flüssigentsäuerung gegeben werden.

- Newtonsche Ringe: Sie entstehen vor allem als Ablagerungen bei echten Fotos und bei kalandriertem Papier, wo sie bei Abbildungen stören können.
- Alkoholgeruch: Trotz Nachlagerung der entsäuerten Bände haben die Bücher auch nach der Rücklieferung in die Bibliothek noch einen Alkoholgeruch, der aber bei Lagerung in gut belüfteten Räumen verschwindet.

Nebenwirkungen des Trockenverfahrens nach Libertec

- Überschuss von Magnesiumoxid im Buch

Auch nach der Reinigung des behandelten Buches bleibt, vor allem bei kalandriertem Papier, ein Überschuss an MgO-Pulver im Buch. Dieser weiße Belag ist jedoch, wenn er nicht in großen Mengen vorhanden ist und nicht eingeatmet wird, unbedenklich. Auch dringt er mit der Zeit in das Blattinnere ein und erhöht die Entsäuerungswirkungen. Doch kann er die Schärfe von Text und Abbildungen gelegentlich beeinträchtigen.

- Braune Flecken am Buchschnitt

Bei einer Charge von 1300 Bänden wurden bei 83 Bänden braune Flecken am Buchschnitt festgestellt, die wahrscheinlich aus Mängeln bei der Rekonditionierung herrühren.

- Mechanische Beschädigung von Blättern

Durch zu starken Druck beim nachträglichen Säubern mit Druckluft sind teilweise Schäden wie Einrisse von Blättern und Einkerbungen am Buchschnitt entstanden. Durch sorgfältiges Arbeiten kann man diese Schäden vermeiden.

Forschungsbedarf

Forschungsbedarf besteht bei beiden Verfahren hinsichtlich der Frage, ob zwischen der Menge und der Wirkung der eingebrachten Chemikalien eine direkte Beziehung besteht. Auch das Verhalten von Tinten, Tonern und Druckfarben nach der Entsäuerung sollte noch intensiver erforscht werden. Besonders wichtig erscheint die Erforschung der Langzeitwirkung beider Verfahren und der dadurch erzielten Restlebensdauer des Papiers. In die künstlichen Alterungstests sollten mechanische Belastungen und Schadstoffwirkungen mit einbezogen werden.

Größenordnungen der Entsäuerung und finanzielle Aspekte

Die Bayerische Staatsbibliothek hat seit der Gründung der Abteilung Bestandserhaltung im Jahre 1995 bis zum Jahr 1999 insgesamt 34.233 Bände für den Gesamtbetrag von 526.500 DM entsäuern lassen. (Vgl. Anlage 6)

Entsäuerung: Flüssigverfahren nach Battelle 1995 - 1999

Jahr  Ausgaben Einheiten Durchschn. Preis
1995 35.799 DM 4.466 8,02 DM
1997 41.055 DM 2.518 16,30 DM
1999 177.625 DM 11.152 15,93 DM
Gesamt 254.479 DM 18.136 14,03 DM

     
Entsäuerung: Trockenverfahren nach Libertec 1995 – 1999

Jahr

Ausgaben

Einheiten

Durchschn. Preis

1995

42.428 DM

3.122

13,59 DM1

1997

29.098 DM

1.643

17,71 DM

1998

59.466 DM

3.260

18,24 DM

1999

141.033 DM

8.072

17,47 DM

Gesamt

272.025 DM

16.097

16,90 DM

Entsäuerung: Flüssig- und Trockenverfahren insgesamt 1995 – 1999

Jahr

Ausgaben

Einheiten

Durchschn. Preis

1995

78.227 DM

7.588

10,31 DM1

1997

70.153 DM

4.161

16,86 DM

1998

59.466 DM

3.260

18,24 DM

1999

318.658 DM

19.224

16,79 DM

Gesamt

526.504 DM

34.233

15,38 DM

Anlage 6

Der Durchschnittspreis beläuft sich demnach im Fünfjahresdurchschnitt pro Band auf 15,38 DM. Dabei ist allerdings zu beachten, dass wir gerade in der Anfangsphase bei der Entsäuerung der Bavarica sehr viele dünne, leichtgewichtige Bände entsäuert haben. Die Preise für das Flüssigverfahren sind rund doppelt so hoch wie für das Trockenverfahren. Hier müsste sich in der nächsten Zeit noch einiges ändern, damit die Bibliotheken angesichts der großen Mengen geschädigter Bücher größere Mengen pro Jahr entsäuern lassen könnten.

FAZIT

Die Bayerische Staatsbibliothek räumt der Massenentsäuerung einen hohen Stellenwert in ihrem Gesamtkonzept zur Erhaltung ihrer bedrohten Bestände ein. Die Massenentsäuerung ist zwar keine ideale, aber die bisher einzige Methode der Originalerhaltung für große Mengen von vergilbten, aber noch nicht brüchigen Druckwerken. Angesichts der rund 1,7 Millionen Bände, die an der Bayerischen Staatsbibliothek im Original erhalten werden sollten, müssen wir diese Methode weiterhin im großen Stil einsetzen.

Gehen wir von einem Durchschnittspreis von 18 DM für die externen Sachkosten und ca. 2 DM bibliotheksinterne Personalkosten pro entsäuertem Band aus, so benötigen wir insgesamt 34 Millionen DM für die Entsäuerung aller bisher gefährdeten Bände. Könnten wir unsere Mittel nur für die Originalerhaltung verwenden, so würden wir bei gleichbleibendem Mitteleinsatz rund 40 Jahre für die Entsäuerung der bisher noch entsäuerungsfähigen Bände brauchen. Da wir aber auch mit hoher Priorität die 1,7 Millionen brüchigen Bände in Mikroformen konvertieren müssen, was rund 89 Millionen DM kostet, können wir nur einen Teil der Mittel für die Originalerhaltung verwenden. Wenn die Gesamtdauer der Entsäuerung sich über mehr als 40 Jahre hinzieht, werden viele Bände, die bisher noch entsäuert werden können, dann brüchig geworden sein, so dass auch nur mehr ihr Inhalt durch die - im Vergleich mit der Entsäuerung - erheblich teurere Konversion gerettet werden kann. Es ist also ein "Wettlauf mit der Zeit", wie es der Titel eines Sammelbandes über "Bestandserhaltung in wissenschaftlichen Bibliotheken", der 1998 in den "Beiträgen aus der Staatsbibliothek zu Berlin" (Band 8) erschienen ist, treffend formuliert.

Für die Methoden der Massenentsäuerung hoffen wir, dass deren unerwünschte Nebenwirkungen weiter reduziert werden. Zudem ist es ein dringendes Desiderat, dass bald eine nachhaltige Methode zur Wiederverfestigung bereits brüchiger Papiere anwendungsreif wird, die zusammen mit der Entsäuerung den betroffenen Werken eine deutlich höhere Restlebensdauer gewährt.

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Dr Helga Unger, geboren 1939 in Brünn (Mähren). 1945 Vertreibung aus der Heimat. Seit 1946 in Bayern. Studium der Germanistik und Romanistik an der Universität München. 1963 Staatsexamen für das Lehramt an den Gymnasien. 1966 Promotion zum Dr. phil. 1963-1968 wissenschaftliche Assistentin am Seminar für Deutsche Philologie der Universität München. 1968 - 1970 Ausbildung für den wissenschaftlichen Bibliotheksdienst. 1970 bis 1977 Referentin im Sachkatalog der Bayerischen Staatsbibliothek München. 1978 bis 1988 stellvertretende Direktorin der Universitäts-bibliothek Bamberg. 1988 bis 1994 Referentin für die öffentlichen Büchereien bei der Generaldirektion der Bayerischen Staatlichen Bibliotheken. Seit 1995 Direktorin der Abteilung Bestandserhaltung an der Bayerischen Staatsbibliothek.


Massenneutralisierung - Wirkungen und negative Nebenwirkungen
- Dr Helmut Bansa

Während der letzten neun Jahre wurden mehrere vergleichende Untersuchungen zur Wirk-samkeit der Massenneutralisierung durchgeführt; die erste und umfänglichste war die der US Kongreßbibliothek im Jahre 1991. Die meisten arbeiteten mit unterschiedlichen Untersu-chungsmethoden, und manche strebten im Voraus festgesetzte Ergebnisse an; dementspre-chend sind die Schlußfolgerungen sehr unterschiedlich. Es ist schwer, aber nicht unmöglich, ein generelles Ergebnis zu formulieren. Das Folgende dürfte für die Massenneutralisierung insgesamt zutreffen, unabhängig von den verschiedenen Verfahren:

1. Die Massenneutralisierung erfüllt nicht die Erwartungen, die manche Bibliotheks- und Archivdirektoren in sie gesetzt haben, nämlich daß man in einer einmaligen großen Ak-tion die Bestände neutralisiert und dann das Problem des säurelatalysierten Papierzerfalls vergessen kann.

2. Massenneutralisierung kann die mechanische Festigkeit des behandelten Papiers deutlich vermindern.

3. Die meisten Verfahren bewirken eine leichte Vergilbung des behandelten Papiers.

4. Bei allen derzeit existierenden Verfahren können negative Neben-wirkungen auftreten. Sie haben ihre Ursache zum einen in der Tatsache, daß Bücher und Akten nicht nur aus Papier bestehen, sondern auch aus Leder, Kunststoffen, Tinten, Far-ben, Pappe aus unreinem Rohstoff, u.s.w. , und zum anderen in der mechanischen Bela-stung beim Ausheben, beim Transport, Einbringen in die Anlagen und den Vorgängen dort.

5. Nach einer beschleunigten Alterung zeigen alle meßbaren Eigenschaften eines Papiers, das einer Massenneutralisierung unterworfen war, einen besseren Wert als das gleiche Papier, bei dem das nicht der Fall war. Das gilt weitgehend auch für die Vergilbung.

Insgesamt ist zu konstatieren, daß die Technik der Massenneutralisierung ein geeignetes, und im Hinblick auf die ungeheuren vom säurekatalysierten Papierzerfall betroffenen Massen, das einzig realistische Mittel gegen diese Gefahr.

Dr Helmut Bansa ist Leiter des Instituts für Buch- und Handschriftenrestaurierung der Bayerischen Staatsbibliothek, Leiter der Staatlichen Fachakademie zur Ausbildung von Restauratoren, Herausgeber der Zeitschrift 'Restaurator, International Journal for the Preservation of Library and Archival Material'


Erfahrungen mit der Anwendung von Massenentsäurungsverfahren des Deutschen Literaturarchivs

- Dr Gunther Nickel

Das Deutsche Literaturarchiv Marbach besitzt eine Bibliothek von rund 700.000 Bänden und eine Handschriftenabteilung mit ca. 22 Millionen Blatt. Etwa 80 Prozent der Dokumente stammen aus dem 20. Jahrhundert. Zur Entsäuerung dieses Bestands wurden bereits erhebliche Anstrengungen mit unterschiedlichen Verfahren unternommen. Dafür stehen neben den Geldern aus dem laufenden Haushalt von derzeit 170.000 DM Mittel von 2,4 Millionen DM zur Verfügung, die bei einer großangelegten Spendenaktion in Zusammenarbeit mit der Wochenzeitung DIE ZEIT eingeworben wurden. Der Vortrag beschäftigt sich mit den bisherigen Erfahrungen bei der Durchführung von Massenentsäuerungsmaßnahmen, besonders einigen recht gravierenden Problemen, die dabei aufgetreten sind.

Dr Gunther Nickel (geb. 1961) ist Literaturwissenschaftler. Nach einem Studium der Germanistik und Musik in Oldenburg war er 1990 - 1994 Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Carl-von-Ossietzky-Forschungsstelle. Seit 1994 ist er als Wissenschaftlicher Angestellter in der Handschriftenabteilung des Deutschen Literaturarchivs Marbach beschäftigt und hier u.a. zuständig für alle bestandserhaltende Maßnahmen. Seit 1999 leitet er interimistisch die abteilungsübergreifende Arbeitsgruppe zur Bestandserhaltung im Deutschen Literaturarchiv.


Neue Technologien zur Kombination von Entsäuerung und Verfestigung von Papier in einem Prozess
- H. Schmidt, C. Becker-Willinger, A. Sauer

Zur Verfestigung von geschädigtem Papier sind verschiedene Techniken verfügbar. Eine dieser Techniken ist die Verstärkung mittels einer Kunststofffolie; eine andere besteht in der Infiltration von Polymeren, die über Polymerisation Bindungen zwischen den Cellulose-Fasern wiederherstellen. Beide Prozesse sind zur Erzielung einer Verstärkung geeignet, jedoch schwierig, da sie auf die Behandlung einzelner Papierblätter beschränkt sind. Die Ensäuerung durch Imprägnierung mit Entsäuerungsmitteln hat ein befriedigende Niveau erreicht, jedoch führt die Kombination beider Schritte zur selben Zeit derzeit noch zu offenen Fragen. In den vorliegenden Untersuchungen ist ein Sol-Gel basiertes Verstärkungssystem entwicklet worden, das es ermöglicht, nicht nur einzelne Papierblätter sondern komplette Bücher zu verstärken.

Aus diesem Grund ist ein mit Methacryloxy-Gruppen modifiziertes Sol-Gel System entwickelt worden, welches einen Polymerisationsschritt nach der Imprägnierung ermöglicht; zusätzlich sind Silane mit perfluorierten Seitenketten inkorporiert worden, um eine Antihaftwirkung zwischen benachbarten Papierblättern zu erzielen. Dies ist eine Ausgangsanforderung, um komplette Bücher im Tauchprozess behandeln zu können. Es konnte gezeigt werden, dass eine beträchtliche Festigkeitssteigerung erzielbar ist. Im Zusammenhang mit der Entsäuerung werden derzeit oxidische Nanopartikel, so z.B. MgO, als Zusatz zu dem Imprägnierungssystem untersucht.

Prof. Dr Helmut Schmidt, geboren 1941 in Haunstetten, Deutschland, ist seit 1990 geschäftsführender Direktor des Instituts für Neue Materialien (INM), Saarbrücken. Das INM ist ein Forschungs- und Entwicklungszentrum, das auf die chemische Synthese von Nanomaterialien, deren Herstellung und auf die industrielle Anwendung (Entwicklung) spezialisiert ist. Helmut Schmidt ist ordentlicher Professor für Werkstoffwissenschaften. Er ist u. a. Mitglied des EMARC (European Materials Research Consortium), Mitglied des Vorstandsrates Der Deutschen Glastechnischen Gesellschaft, Mitglied im Editorial Board des 'Journal of Porous Materials' und des 'Journal of Sol-Gel Science and Technology', Kluwer Academic Publishers, Norwell, USA. Er hat eine Vielzahl an nationalen und internationalen Veröffentlichungen verfasst.

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